Es geht um Ava. Um ihre Motivation von damals. Ich kenne ihre Intension, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ich weiss, was sie erreichen wollte und wie sie das Portal, das mystische Auge und die Urkräfte darin für Heilung an der Menschheit nutzen wollte. Eine Szene, die davon berichtet, war bis fast zur letzten Version noch im Buch. Danach habe ich sie gelöscht. Als Energie ist sie noch in der Geschichte, aber nicht mit Worten. Wer will, kann in diesem Dialog etwas mehr über Ava, Harold und Mary erfahren.
Charles hatte all das nicht verraten, weil er feige war. Er war vielleicht kein Held, aber auch kein Verräter. Er war einfach jemand, der unterschätzt hatte, wie grausam Menschen sein können. Unwissentlich hatte er die gesamte Geschichte losgetreten, weil er ganz einfach überleben wollte.
Was mit ihm geschah, nachdem seine Stimme verstummte, blieb ungewiss. Die Verbindung erlosch für immer, zu Ava ebenso wie zum restlichen Scharonn – Mary, Nodin und Harold. Sie alle waren verlinkt und hatten gemeinsam Kräfte entdeckt, die jedes Verständnis sprengten: Telepathie, der Radar, das Spiegeln von Fähigkeiten und schließlich die Flammenkugel, das pulsierende Tor der Magie. Für kurze Zeit glaubten sie, unbesiegbar zu sein.
«Wir könnten die Welt verändern», sagte Ava in jenen Jahren oft zu Harold und Mary.
«Und wie genau willst du das erreichen?» Harold war selten verlegen, Ava direkt zu fragen. Mit seinem leicht krausen, unbändigen Haar und dem Muttermal auf der Stirn hatte er eine Art, Dinge zu hinterfragen, die nicht ernsthaft provozierte, aber durchaus herausforderte. Er lächelte dabei stets und es wirkte, als nehme er das Leben nicht ganz so schwer.
Ava blieb immer geduldig mit ihm. Sie mochte es, wenn jemand ehrlich fragte und nicht bloß widersprach.
«Weißt du, ich glaube, jeder Mensch sollte einmal im Leben durch das Tor in die Vergangenheit reisen – zu sich selbst.»
«Zu sich selbst? Ich bin schon oft drüben gewesen. Aber auf mich selbst zu treffen, das kam mir nie in den Sinn!»
Meist schwieg Mary. Doch nun hob sie den Kopf. «Doch, genau das ist der Punkt. Du kannst dir dort selbst begegnen und dich an die Hand nehmen.»
Harold schüttelte entschieden den Kopf. «In der anderen Welt kannst du nicht mit Menschen reden, die noch leben. Nur mit Verstorbenen. Und anfassen kannst du eh nichts.»
Mary schwieg wieder, also übernahm Ava. «Das stimmt. Es sei denn, du reist eben zu dir selbst. Dich als Kind oder junger Mensch kannst du tatsächlich an der Hand berühren.»
Harolds neckischer Blick war neugierig, aber nicht spöttisch. «Und warum sollte ich das tun?»
«Es heilt schwierige Momente in der Vergangenheit», versuchte sich Mary noch einmal mit einer Erklärung. «Wenn dir etwas zugestoßen ist – etwas, das dich verstört oder verletzt hat. Du siehst das alles noch einmal. Und fühlst, was du damals gefühlt hast. Nicht mehr schmerzhaft, sondern klarer.»
«Was macht denn das für einen Sinn? Ich kann ja doch nicht ändern, was geschehen ist.»
«Nein, du kannst es nicht ändern.» Ava hielt Harolds Blick stand.
«Aber du kannst in genau diesem Moment deinem früheren Ich die Hand halten. So baut sich rückwirkend ein Schutz auf. Dann geht nichts in dir verloren, was eigentlich hätte bleiben sollen.»
Harold kratzte sich nachdenklich an der Stirn. «Ist mir irgendwie zu kompliziert, klingt auch anstrengend.»
«Nun ja, es ist ganz einfach Heilung», erwiderte Ava mit ihrer fast greifbaren Ruhe. «Versteh doch: Wenn du irgendwann etwas erlebt hast, das zu groß für dich war, dann trägst du das noch immer in dir. Und das kann krank machen. Oder wütend. Und wenn diese Wut zu heftig wird, richtet sie sich entweder gegen dich selbst. Oder gegen andere.»
Harold zögerte. Dann fragte er mit kritischer Neugier: «Und das ist euer Plan, um die Welt zu verändern?»
Ava bestätigte es ihm nicht, aber ihr Blick barg Hoffnung. «Wenn jeder bei sich selbst anfangen würde, dann vielleicht. Denn so viel Hass, den wir in die Welt schleudern, richtet sich in Wahrheit gar nicht gegen andere, sondern gegen unseren eigenen Schmerz. Gegen das, was einst in uns zerbrochen ist.»
Aufmerksam verfolgte Harold die junge Ava, den Kopf leicht geneigt, und mit seinem ewigen Lächeln in den Mundwinkeln. Es war ein stilles Zeichen von Zuneigung und Respekt. Er mochte Avas inspirierenden Eifer, auch wenn er ihm nicht immer folgen konnte.
«Es wird nicht alles ändern, Harold. Aber etwas. Und manchmal reicht das schon.»
Damals stand bereits fest, dass der fünfte in ihrem Scharonn – Nodin – in den nächsten Monaten zu Ava und Mary ziehen würde. Gemeinsam hatten sie begonnen, das Zirbelkraut anzubauen, durch dessen Extrakt auch normale Menschen in die andere Welt reisen konnten. Auch Charles glaubte an ihre Idee.
Vielleicht hätte ihre Verbindung sogar ein Stück Frieden in die Welt bringen können, dort, wo er längst verloren war. Doch das Schicksal war schneller. Ava starb im Herbst 1944, Mary folgte ihr nur wenige Monate später. Und was von all dem blieb, war eine Geschichte, die bis heute auf ihr Ende wartet.
Übrigens: In der ersten Reise von Kim in der anderen Welt folgt Ava ihrer Mission von damals. Sie begleitet Kim in deren Vergangenheit, an den Punkt, an dem ihre Seele tief verletzt wurde – der brutale Tod ihres Kaninchens Clay und alles, was folgte. Dort tat Ava genau, was sie im Text oben beschrieben hatte. Sie half Kim, ein Stück Heilung zu erlangen, für ihren weiteren Lebensweg.