Darüber hatte ich mir bisher noch gar keine Gedanken gemacht, aber dass es zu ihrem Schutz sein könnte, klingt einleuchtend. Man weiß ja leider zu wenig über das System, um zu beurteilen, wie viel Schutz das tatsächlich gebracht hätte. Auch der Name der Protagonistin wird ja nirgends genannt.
Interessanter Aspekt, der mir beim Lesen gar nicht aufgefallen ist. Vielleicht steckt wirklich zu großer Schmerz dahinter? Bei “Luke” hat sie ja einen Namen genannt, wenngleich dieser wohl nicht der richtige Name ihres Partners war. Das hätte sie bei ihrer Tochter theoretisch ja auch machen können. ![]()
Desfred hat schon erwähnt, dass sie einen anderen Namen bekommen hat, aber bis zum Schluss hab ich nicht gecheckt, dass er vom Kommandanten abhängt. Das ist echt schlau gemacht, so können keine Freundschaften entstehen geschweige denn Aufstände, weil man sich nicht wirklich wiederfinden kann. Und diese Hauben, das erinnert mich jedes Mal an Scheuklappen für Pferde, wenn es erwähnt wird.
Ich finde es erfrischend, wie „realistisch“ Atwood die Geschichte geschrieben hat. Wenn das Buch heutzutage geschrieben worden wäre, hätte sich Desfred wirklich in Nick verliebt, aber die beiden hatten sonst niemandes Vertrautes und haben so zwangsläufig Freudschaft bzw. eine kleine Zweckgemeinschaft geschlossen. Ich hab mich auch kurzzeitig mal gefragt, ob Desfred durch die andere Magd oder durch ihre beste Freundin Moira zum Widerstand findet, aber letztendlich hat sich Desfred einfach angepasst und nicht aufbegehrt. Sie war gebrochen, hat hin und her geschwankt zwischen dem Wunsch alles zu beenden und dem Überlebenswille. Dass sie ein Foto ihres Kindes gesehen hat, hat ihr irgendwie auch mehr geschadet, als gefreut, denke ich. Bezeichnend ist auch, dass sie Luke immer beim Namen genannt hat, ihre kleine Tochter aber nie. Ich denke, sie hat sich distanziert und dadurch geschützt. Am Ende wurde ich echt noch überrascht, dass die Augen, die Desfred abholen, nicht von Serena Joy kamen sondern von Nick. Wenn es nicht die Fortsetzung gäbe, wäre ich echt wütend, weil ich unbedingt wissen will, wie es mit Desfred weiterging. Die armen Leser/innen, die das jahrelang aushalten mussten
Aber letztendlich ist das auch wieder gekonnt realistisch dargestellt: Die späteren Menschen haben Desfreds Aufzeichnungen gefunden und warum auch immer hat sie sie nicht mitgenommen. Entweder wurde Desfred wirklich entdeckt oder sie konnte sie nicht mitnehmen (ihre beste Freundin konnte auch mit nichts als ihrer Kleidung am Leib flüchten). Ich finde beides ist möglich. Wobei es sehr schwer ist, dort zu entkommen… und dann gabs noch die ganzen Kolonien außenrum. Ich dachte anfangs, die Menschen wurden dort sich selbst überlassen, aber das stellt sich eher als Arbeitslager dar. Das muss ein kurzes und schreckliches Leben dort sein.
Das finale Ende finde ich irgendwie komisch. Nachdem all das schreckliche passiert ist, kommt ein Vortrag von einem Professor, wo zuerst einmal die Ankündigung der Angel-Expedition vorangestellt ist. Ähh, wow, was für ein Cut! Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieser abscheuliche Bericht von Desfred nicht ganz ernst genommen worden ist. Und ich finde es auch seltsam, dass in der Zukunft nicht die Echtheit eines solchen „Dokuments“ geprüft werden kann. Anfangs wussten sie in England noch, was in Gilead vor sich geht. Aber den Rest weiß wirklich niemand? Hat niemand überlebt, der/die davon berichten konnte? Außerdem sind die Profs bei dem Vortrag alle Männer… Zufall?
Ich hatte Hoffnung, dass Moira sich einer Rebellion anschließt und finde es umso trauriger, dass sie am Ende gebrochen ist. Ich frag mich auch, ob es ihr dort besser geht, als den Mägden. Sie kann schließlich auch ihre Sexualität ausleben, hat also “Freiheiten”, halt für eine gewisse Zeit.
Ach schade!
Das ist mir auch aufgefallen! Ich denke, sie hat sich so von ihrer Mutterliebe distanziert. Im Grunde war ihr bestimmt klar, dass sie sie nie wiedersehen wird. Lukes Namen auszusprechen war da wohl einfacher.
Das hat mich auch erschreckt. Selbst wenn er ein Guter ist und Desfred ihr Geld gibt, ist es nicht dasselbe. Für ihn scheint das keinen Unterschied zu machen, aber sie ist doch abhängig.
Das hat mir auch sehr gut gefallen. Ich hatte beim Lesen ein bisschen die Befürchtung, dass sie sich wie du sagst verlieben, aber so fand ich es total realistisch. Vor allem, wenn man bedenkt, wie einsam wirklich alle in diesem System sind. Man hat ja auch als Mensch ein fundamentales Bedürfnis nach körperlichem Kontakt.
Das Gefühl hatte ich auch und ich denke, dass das bestimmt so gedacht ist. Auf jeden Fall ein “sachlicher” Vortrag nach dem persönlichen, subjektiven Report von Desfred, aber vielleicht auch ein Kommentar darüber wie Historiker mit Ereignissen, die Frauen betreffen, umgehen und wie Frauen oft in der Geschichtsschreibung ausgelassen bzw. vergessen wurden. Man muss ja auch bedenken, dass das Buch in den 80ern geschrieben wurde und sich seitdem schon viel getan (besonders in den Geisteswissenschaften) und heutzutage gibt es auch viele Historikerinnen und Fokus auf Frauen in der Geschichte.
Ich habe mich aber auch trotzdem ein bisschen gewundert, dass das Geschehene im Bericht so angezweifelt wurde, denn es ist ja nur 200 Jahre her und es ist Leuten die Flucht gelungen, also müsste es viel mehr Zeugenberichte geben, die das Gesagte bestätigen.
Stimmt, das hat mich auch etwas verwundert.
Das stimmt, aber gerade deswegen fand ich dieses Detail so super. Es zeigt, dass das Geschehen beim Vortrag aus einer nüchternen historischen Distanz betrachtet wird, aus wissenschaftlicher Sicht, ohne Emotionen, als Tagesordnungspunkt.
Hat von Euch schon jemand “Ich, die ich Männer nicht kannte” gelesen oder gehört? Auch heftig, aber aus ganz anderen Gründen.
Wir haben sogar einen eigenen Thread dazu: