Klassiker-Leserunde: Der Report der Magd

Noch mal zurück zum Inhalt: Ich fand die Stellen sehr eindrücklich, wo Desfred von den ersten Zeiten der gesellschaftlichen Umwälzung berichtet. Besonders der Teil, als man ihr als Frau ihr eigenes Geld genommen und dies in die Verantwortung ihres Partners gegeben hat.

Finanzielle Abhängigkeit ist heutzutage ja noch ein heiß diskutiertes Thema (insbesondere bei Müttern, die sich gegen eine Erwerbstätigkeit entscheiden und sich so finanziell vom Ehemann abhängig machen). Mir persönlich ist es seit jeher unfassbar wichtig, dass ich mein eigenes Geld habe, in meiner Ehe jederzeit gehen könnte (also im Sinne, dass es nicht am Geld scheitert) und ich auch ohne das Geld meines Mannes meine Töchter und mich versorgen kann. Die Vorstellung, dass ich nun mein Geld abgeben müsste, finde ich sooo gruselig. Selbst wenn es mein eigener Mann ist ( und das obwohl ich den wirklich sehr mag. Ist ein Netter. :wink:). Und auch für unsere Protagonistin ist dies ein extremer Einschnitt. Es entsteht eine neue Dynamik in ihrer Beziehung, indem sie schreibt:

“Ihm macht das [ihre neue finanzielle Abhängigkeit von ihm] nichts aus, dachte ich. Ihm macht das überhaupt nichts aus. Vielleicht gefällt es ihm sogar. Wir gehören nicht einander, nicht mehr. Vielmehr gehöre ich ihm jetzt. […] Ich konnte es mir nicht leisten, dich zu verlieren” (S. 245)

Dieser Teil hat mich extrem bewegt. So viele Frauen, werden auch heutzutage in die (finanzielle) Abhängigkeit gezwungen. Gleichzeitig ist es auch noch gar nicht so lange her, dass Ehefrauen in Deutschland nur mit der Erlaubnis ihres Ehemannes ein Konto eröffnen konnten. Hier hat mir das Buch wieder vor Augen geführt, dass ich mehr als dankbar für die feministischen Errungenschaften der letzten Jahre bin (und dass es Kräfte gibt, die diese Gleichberechtigung wieder zurück drehen wollen, macht mich wahnsinnig :exploding_head:).

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Mich hat das Buch auch begeistert und ich fand den zweiten Teil noch besser als den ersten. Ich möchte auf jeden Fall noch mehr von Atwood lesen, aber ich glaube für mich ist die Geschichte eigentlich gut abgeschlossen und ich denke nicht, dass mir die Fortsetzung gefallen würde, vor allem da der Vortrag am Ende ja eigentlich ein richtiger Abschluss ist.

In meiner Ausgabe war noch ein Nachwort der Autorin, wo sie sagt, dass sie keine unglaubwürdige Dystopie schreiben wollte und deswegen gar nichts erfunden hat, sondern bewusst alles auf Gesetzen und Bräuchen, die es schon Mal irgendwo gab auf der Welt, basiert hat und sich natürlich an vorherigen autoritären Diktaturen orientiert hat. Und sie hat es besonders auf dem Glauben und den Bräuchen der Puritans aufgebaut, weswegen es auch in den USA spielt. Das wusste ich vorher noch nicht, aber es erklärt auch, warum es sich für mich so realistisch angefühlt hat.

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Welche Ausgabe hast du denn gelesen? Ich fand es sehr schade, dass in der Ausgabe von Piper kein Nachwort abgedruckt war. Ich hätte gerne eine Einordnung der Autorin gehabt (dass Atwood sich an realen Ereignissen orientiert hat, habe ich tatsächlich schon mal irgendwo gehört).

Ich ärgere mich gerade auch sehr darüber, dass ich das Buch nur in dieser Taschenbuchausgabe habe. Ich sortiere Bücher wirklich immer aus, auch Highlights, aber solch ein Lebenshighlight darf bleiben. Hätte ich doch bloß letztes Jahr bei der Büchergilde zugeschlagen. Diese Sonderausgabe ist nun vergriffen :sob:

Du hat absolut Recht mit der finanziellen Abhängigkeit. Dieser Teil des Buches hat mich auch sehr bewegt. Auch der Teil, wo alle Frauen entlassen werden. Ich finde, Luke als Charakter auch sehr interessant, da er auch zeigt, dass erstmal alle Männer, auch die “guten”, von der Ungleichheit profitieren. Wenn ich mich richtig erinnere, sagt er ihr auch, dass es kein Sinn macht zu protestieren und dass es eh nichts bringt. Der Teil hat mich wirklich wütend gemacht.

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Ich habe eine englische Ausgabe von Vintage Fiction Penguin, die ich aber schon von ein paar Jahren gekauft hab (aber nie zum Lesen gekommen bin)

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Alias Grace habe ich auch schon auf meine Leseliste gesetzt. Falls du wieder eine Leserunde machen willst, wäre ich auf jeden Fall dabei😊

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Das ist ein total wichtiger Aspekt! Auch “gute Männer” setzen sich nicht zwangsläufig für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ein, oder wollen das Patriachat verändern. Die Meisten werden wohl erkennen, dass etwas schief läuft, nehmen das aber auch einfach so hin (gleiches gilt ja ehrlicherweise auch für den Großteil der Frauen, die das System so hinnehmen, es nicht hinterfragen)

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Ui, das klingt verlockend. Das merke ich mir für eine mögliche Leserunde oder einen Buddy-Read. :smiling_face_with_three_hearts:

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Also wenn du es tatsächlich über einen offenen Bücherschrank ergatterst, dann musst du uns aber berichten, wie es dir gefallen hat :grin:

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Wie fandet ihr Moiras Geschichte? Nachdem im ersten Teil Moira und die Mutter immer wieder als radikale Aktivistinnen beschrieben werden, die sich nicht unterkriegen lassen und die Desfred ein bisschen belächelt deswegen und später für ihren Mut und Resilienz beneidet, wirkte Moira am Ende vom System gebrochen und als ob sie sich auch mit allem abgefunden hat. Diese Szene fand ich auch sehr eindrucksvoll. Wie schlimm muss es in den Kolonien sein, wenn man das vorzieht.

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Hat mir auch sehr gut gefallen! Mit Moira und Desfreds Mutter wurde gezeigt, welche Rollen für Frauen noch möglich sind - und leider sind auch diese beiden extrem erschreckend.

Dass es hier ein “geheimes” Bordell gibt, dass von der obersten Machtriege getragen wird, passt auch zu all dem, was man in der Realität so kennt. Vorne Moral und Sitten als Gottes Willen predigen (und sogar Menschen bestrafen, die sich nicht an die vermeintliche Moral halten!), hinten rum aber Sodom und Gomorrha. Für die ganz oben gelten eben andere Regeln…

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Mich hat der Roman jetzt nicht so gepackt wie dich, aber deinen Ausführungen zum zweiten Teil kann ich mich voll und ganz anschließen. Den Folgeband will ich aber momentan nicht lesen.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das Buch mir als Schülerin gefallen hätte.

Das einzige Buch, das ich bisher von Atwood kannte, ist “Die Räuberbraut”. Das hatte mir meine Mutter in meiner Jugend geschenkt und ich konnte so gar nichts damit anfangen. Vielleicht sollte ich es noch einmal lesen.

Lustig, wenn ich eure Ausführungen lese, ist für mich immer, dass ich keine Desfred und Desglen kenne sondern Offred und Ofglen, aber hier ist eine Übersetzung des Namens natürlich unerlässlich.

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Das steht teils ja auch im letzten Teil, dem Symposium.

Mir ging es mit dem letzten Teil wie dir.

Ich habe das Buch zwar auch gestern beendet, werde jetzt aber nach einem vollgepackten Tag nichts Eigenes dazu schreiben, da alles für mich Wichtige schon von euch gesagt wurde. Daher habe ich auf einige Ausführungen von euch geantwortet. Ich hoffe, das passt so.

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Ich bin heute spät dran, deswegen kann ich mich erst jetzt beteiligen, sorry!

Mir hat der zweite Teil dahingehend noch besser gefallen als der erste, weil hier viele Fragen zur Gesellschaft und ihrer Entstehung beantwortet wurden.

Der Punkt mit den Finanzen ist mir auch sehr nachhaltig im Gedächtnis geblieben, allein schon weil ich, seit ich krank bin und nicht mehr arbeiten kann, finanziell von meinem Mann abhängig bin. Er ist auch ein Netter, aber ein besch***enes Gefühl ist es trotzdem.

Ein kleiner Wermutstropfen ist für mich das offene Ende, ich hätte doch so gerne erfahren, was mit Desfred passiert ist.

Die Zeuginnen werde ich vorerst nicht lesen, da sie in der Bib nur als Hörbuch verfügbar sind, und das war schon bei diesem Buch keine gute Idee :grimacing:

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Was das offene Ende von Desfreds Geschichte anbelangt, bin ich ganz bei dir. Ich hätte auch gerne erfahren was mit ihr passiert und vor allem wären Details zur Flucht spannend gewesen.

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Würden die Zeuginnen hierzu Aufschluss geben, würde ich es mir nochmal überlegen, den Nachfolger zu lesen. Aber das ist wohl nicht so (ich habe bei Wikipedia gespickt).

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Hoffentlich geht es gesundheitlich bald wieder bergauf bei dir :four_leaf_clover:

(Natürlich nicht nur wegen des finanziellen Aspekts. Bitte nicht falsch verstehen)

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Ich habe den zweiten Teil vor ein paar Tagen beendet und auch ich fand diesen besser, als den ersten. Es wurde konkreter und die Hintergründe etwas besser dargestellt, auch wenn es mir am Ende immer noch zu wenig war. Das letzte Kapitel hat mich da zwar ein bisschen versöhnt, da es die Einordnung des Reports für mich einfacher gemacht hat. Spannend fand ich vor allem, dass Gilead offenbar nur einen kleinen Teil der USA ausgemacht hat und dass in der nachträglichen Einordnung diese Zeit bzw. dieses Zeitalter von Gilead nur relativ kurz war.

Trotzdem hätte ich gerne noch mehr über die Hintergründe erfahren.

Sehr erschreckend fand ich, wie schnell es ging, Frauen quasi zu enteignen, ihnen ihr Geld und ihre Rechte zu entziehen. Gefühlt war das ja von einem Tag auf den anderen, nur weil das ein paar Männer bei irgendwelchen Sitzungen beschlossen haben. So kam es zumindest bei mir an.

Mir hat das Buch gut gefallen, auch wenn es ein etwas komisches Gefühl bei mir zurücklässt, das ich schlecht greifen kann. Zum einen ist das sicher ein Schauer darüber, wie Menschen und vor allem Frauen behandelt wurden. Zum anderen aber auch eine gewisse Unbefriedigtheit (das Wort gibt es wahrscheinlich gar nicht), weil ich eigentlich lieber handfestere Erklärungen mag und es mir dadurch teilweise zu fragmentarisch war.

Sprachlich war es aber eine Wucht.

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Was sagt ihr eigentlich dazu, dass sie ihre Tochter nie beim Namen genannt hat? Diese Frage habe ich mir häufiger gestellt, für mich aber keine wirklich Antwort darauf gefunden, außer, dass es vielleicht zu schmerzhaft war.

Nach dem letzte Kapitel und der Tatsache, dass es sich um keinen persönlichen oder geheimen Report handelte, wie eine Art Tagebuch, sondern um Aufnahmen, die auch von anderen gehört wurden, denke ich, es war vielleicht zum Schutz.

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