Ich, die ich Männer nicht kannte

Ich habe das Buch “Ich, die ich Männer nicht kannte” über NG bekommen, aber es wurde ja auch hier verlost. Auf NG überschlagen sich die begeisterten Stimmen (oder vielleicht wurden die unter 4 Sternen auch einfach vom Verlag nicht freigeben).

Mich lässt das Buch ehrlich gesagt ratlos zurück und was daran besonders feministisch sein soll, erschließt mich auch nicht. Aber vielleicht eröffnet eine Diskussion zum Buch ja neue Perspektiven? Sind Leser:innen dabei, die Lust haben, ihre Eindrücke zu schildern und zu diskutieren?

Vielleicht bin ich als Mathematikerin einfach nicht die Zielgruppe, denn die massiven Lücken im Weltenbau und die Logikmängel (auch hinsichtlich der Protagonistin) nerven mich so sehr, dass das alles andere, auch die zweifellos interessanten philosophischen Ansätze, überlagert.

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Ging mir ähnlich. Ich fand es irgendwie spannend, aber letztlich wird ja nichts aufgeklärt. Das ist einerseits ganz schön tough von der Autorin, andererseits aber auch recht unbefriedigend. Feministisch ist vielleicht die Tatsache, dass sich die Frauen ein Leben ohne Männer aufbauen, das ist aber lange nicht vergleichbar mit den starken feministischen Botschaften von Atwood oder Haushofer!

Was ist denn deine Theorie, wo sie sind? Ein anderer Planet?

Ich hatte beim Lesen vor allem den Eindruck, dass sich die Frauen nach Beziehungen mit Männern und Fortpflanzung zurücksehnen und ein Leben ohne Nachkommen, die das Leben weitertragen, trist und hoffnungslos ist. Ja, die Frauen bauen sich ein Leben ohne Männer auf, finden es aber nicht lebenswert - ich kann da nichts Feministisches erkennen.

Den Vergleich zu Atwood in der Buchbeschreibung kann ich so gar nicht nachvollziehen. Ich bin da gerade in der LR dabei und habe das Buch kürzlich beendet. Bis auf die Ausgangssituation - eine lebensfeindliche Umgebung, sei es durch atomare Verseuchung (Atwood) oder die karge Landschaft (Harpman) und eine sehr schwierige bzw. unmögliche Fortpflanzung - sehe ich da ganz wenig Parallelen.

Ich glaube nicht, dass sie auf einem anderen Planeten sind. Wo sollte dieser sein? In unserem Sonnensystem schon mal nicht, denn keiner der 8 Planeten weist eine erdähnliche Atmosphäre und eine identische Gravitation auf. Letztere wäre zwar zB bei Venus oder Uranus ähnlich, aber beide Planeten sind lebensfeindlich. Zudem sieht es in der Buchwelt aber aus wie auf der Erde - Wälder, Flüsse, Himmel, die gesamte Vegetation - das ist schon sehr abwegig. Also ein Exoplanet, der quasi ein Zwilling der Erde ist? Dass dieser von der Erde aus für Menschen erreichbar ist, ist nach heutigem Kenntnisstand unmöglich. Aber falls doch: Wohin sind die Bewacher so schnell verschwunden? Woher nehmen sie die Konserven und das Fleisch? Auf diesem Planeten gibt es offenbar nichts. Bringen sie es von der Erde? Falls dort noch Tiere und Pflanzen gedeihen, die auch noch genießbar sind, warum ist man überhaupt von dort weggegangen? Und woher kommt die Energie für die Kühlung, die Lüftung der Keller und des Schutzraumes, die Beleuchtung? Der Roman lässt das ja bewusst offen, und das stört mich massiv.

Falls es Raumschiffe gibt, die uns tatsächlich auf einen Exoplaneten bringen und die Wärter binnen Minuten von dort abheben lassen, wozu brauchen sie dort einen altmodischen Bus? Da keine anderen Fahrzeuge gefunden wurden, ist anzunehmen, dass das Raumschiff oder was auch immer die Wachen direkt an den Wachhäuschen abgeholt hat. Warum also ein einziger Bus?

Und warum zieht die Protagonistin die Kleidung der seit 25 Jahren vor sich hin modernden Leichen aus dem Bus an, wenn in den Spinden der Keller frische Hemden und Hosen zu finden sind? Also ich wüsste, wofür ich mich da entscheiden würde.

Die Protagonistin ist erstaunlich eloquent, kann analytisch denken, abstrahieren (Karten zeichnen), entdeckt, dass die Keller im Schachbrettmuster angeordnet sind. Abgesehen davon, dass es ihr schwerfällt, Zuneigung zu entwickeln und sie Berührungen nicht mag, hat sie die belastende Kindheit im Keller erstaunlich gut weggesteckt. Das scheint mir nicht schlüssig. Sie war vermutlich ein Kleinkind, als sie in den Keller kam, wurde niemals berührt, bekam wenig Ansprache und quasi keine Zuneigung. Sie hatte kein Spielzeug, wenig sensorische und intellektuelle Reize. Ich würde hier Anzeichen von Hospitalismus vermuten, Ängste, Unsicherheit. Sie ist im Gegenteil eher forsch und mutig. Ich hätte auch vermutet, dass sie durch die Umstände geistig eher wenig entwickelt sein dürfte. Stattdessen zieht sie als einzige logische Schlüsse, entwickelt ein Messverfahren für Zeit, eine Methode, das Gelände systematisch in Halbkreisen zu erkunden…ich bin Laie, aber hier würde mich das Urteil von Neurobiologen interessieren, ob so etwas unter diesen Umständen überhaupt möglich ist.

Mir ist schon klar, dass man so an diesem Roman vermutlich nicht rangehen darf, aber ich kann nicht anders…

Und ich dachte, dass ich dieses Buch auch lesen “sollte”, aber nach deinen Ausführungen kann ich mir das wohl sparen. Dafür ist unser Lesegeschmack zu ähnlich, als dass mir das Buch gefallen könnte :laughing:

Ja, ich sehe das ähnlich, habe aber versucht, das Feministische zu sehen, was zur Buchbeschreibung geführt hat. Die Erzählerin sehnt sich ja immerhin irgendwann nicht mehr nach Männern, obwohl sie das natürlich auch nicht kennt.

Und ja, ein anderer Planet ist unrealistisch, aber fast genauso unrealistisch scheint mir die Erde zu sein.

Und trotzdem fand ich, dass das Buch durchaus einen Sog entwickelt hat. Es konnte ihm dann bloß nicht gerecht werden.

Definitiv kein Must-read! Das wären für mich Die Wand und Der Report der Magd.

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“Die Wand” liegt hier schon seit Ewigkeiten ungelesen … wird echt mal Zeit

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Darum wundern mich die ausschließlich sehr positiven Rezensionen bis hin zum unvermeidlichen Aufruf “Pflichtlektüre an den Schulen!” auf NG.

Wenn die Buchbeschreibung das Buch nicht so plakativ als feministisch beworben hätte, hätten die Leser:innen das Buch dann von selbst so empfunden? Ich für mich muss sagen: Nein, im Gegenteil. Ich finde eher, dass Frauen erstaunlich schlecht wegkommen. Ohne Männer ist ihr Leben nicht lebenswert, ein paar werden aus der Not heraus lesbisch (aber auch nur kurzzeitig, dann erkalten die Gefühle wieder), aber sie sehnen sich nach früher, dem Leben mit Mann und Kind. Es gelingt ihnen, Häuser zu bauen und sich zu einer Zweckgemeinschaft zusammenzuschließen, aber sie wirken von Anfang resigniert, weil sie die letzten Menschen sind und nichts nach ihnen sein wird. Ich sehe nicht, dass sie systematisch versuchen, essbare Pflanzen zu finden, die Erde in Flussnähe urbar zu machen, und sich aus dem “parasitären” (Zitat) Zustand zu befreien, von den Vorräten abhängig zu sein, die ihre Bewacher/Entführer vor ihrem plötzlichen Verschwinden angelegt haben. Sie hätten die Gegend auch in Grüppchen nach einem festen System durchkämmen können, auf der Suche nach einem Raumschiff/Fortbewegungsmittel/was auch immer, aber bis auf die Protagonistin sehe ich bei keiner einen Erkundungsdrang. Im Buch steht, es gäbe keine Tiere. Ich vermisse irgendwie, dass sie überhaupt danach gesucht hätten zB in den Wäldern oder Flüssen, die es ja gibt. Ich hätte erwartet, dass sie Reusen bauen um Fische zu fangen (selbst wenn diese dann leer bleiben), Flusskrebse oder Muscheln suchen. Möglich, dass die Umgebung so tot ist, dass sie weder essbare Planzen, aus denen sie Setzlinge hätten ziehen können, noch Tiere gefunden hätten, aber dann wäre zumindest der Wille nach Selbstversorgung spürbar gewesen. Mir fehlt für einen feministischen Roman ein Aufbäumen. Auch dass sie ihr spärliches Wissen nur widerwillig an die Protagonistin weitergeben, weil es eh sinnlos ist, zeigt dass sie von Anfang an resigniert haben. Wie wohl ein analoger Roman mit einer Männergruppe ausgesehen hätte? Ich vermute, man hätte ihnen mehr Tatendrang zugeschrieben.

Um das 30 Jahre alte Buch gibt es anscheinend auf Tiktok einen regelrechten Hype und ich frage mich, ob das die Rezis doch ein bisschen beeinflusst. Oder ich bin zu doof, das kann natürlich auch sein, und erkenne die Genialität des Werkes einfach nicht :grin: .

@desiree1 Deine Meinung würde mich besonders interessieren. Falls Du es doch noch liest, wäre ich sehr gespannt darauf. Das Buch hat, in Bezug auf die Gedanken der namenlosen Protagonistin (die Frauen hätten ihr doch wenigstens in all den Jahren einen Namen geben können??? Soll das von Anfang an die Hoffnungslosigkeit zeigen, wenn die Jüngste nicht mal mehr einen Namen bekommt?) ist es auch wirklich gut geschrieben. Wäre das Ausgangssetting ein anderes gewesen, hätten mich das Buch und seine philospophischen Gedanken zu existentiellen Fragen durchaus begeistern können.

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Auf LB gibt es tatsächlich eine Rezi, die exakt dieselben Kritikpunkte hat wie ich und das Buch eher als anti-feministisch sieht. Ich bin also nicht ganz allein mit meinem Empfinden.

Dieses Buch schwappt ja durch einen Booktok-Hype aus den USA zu uns. Mich würde interessieren, ob dieser vom Verlag dort gepushed wurde? In D scheint das Marketing-Konzept aufzugehen. Der Klappentext behauptet Parallelen zum Report der Magd und femistische Inhalte, und schon wird beides überall in einem Atemzug mit diesem Buch genannt. Der Klappentext klingt ja auch erst mal so: 40 Frauen werden in einem Keller gefangen gehalten und von Männern mit Waffen und Peitschen bewacht. Allerdings finden die Frauen später heraus, dass es ebenso Männergruppen gab in den Kellern, Misogynie ist also nicht der Grund für die Einkerkerung, sie betrifft beide Geschlechter gleichermaßen.

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Der Aufruf qualifiziert ja eher dazu, die Verfasserin als schulpädagogisch und buchhändlerisch uninformiert einzuordnen. Das Buch ist 25 Jahre alt - und wenn wir als normal einordnen, dass sich zu dem Zeitpunkt Bestände von Bibliotheken und Leseempfehlungen um männliche Autoren und männliche Protagonisten drehten, könnte vermutlich das Vorkommen von Frauen an sich damals feministisch gewesen sein.

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Fun Fact: Die Rezension stammt von einer Person, die mit Rolle Buchhändler:in angemeldet ist. Mich ärgert der Aufruf “Pflichtlektüre” sowieso in Rezis, weil der Lektürekanon aus gutem Grund eine Entscheidung didaktisch und fachlich kompetenter Gremien ist. Das heißt nicht, dass man die Auswahl im Lehrplan nicht kritisch hinterfragen kann, aber als Laie kann ich nicht beurteilen, welche Kriterien in einer bestimmten Jahrgangsstufe im Hinblick auf Gattung, Themen, Intertextualität, Didaktik relevant sind.

Ich versuche gar nicht, das Buch zu verteidigen, ich habe ja ähnliche Kritik - insbesondere, weil die Ich-Erzählerin dann ja irgendwie auch noch auf die Frauen herabblickt, die sich in ihre alten Leben zurücksehen, das ist ja auch keine weibliche Solidarität. Ich sehe Ansätze im Verhalten der Ich-Erzählerin, die mehr will - lernen, erkunden usw. und die eigenständig agiert.

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Ich finde den Begriff “Pflichtlektüre” generell problematisch, egal von wem er kommt, denn wer sind denn sogenannte “fachliche Kompetente” im Gegensatz zu Laien?

Und man bekommt den Status “Buchhändler: in”, wenn man in einer Buchhandling arbeitet und die entsprechende “Kennnummer” nennen kann - aber in einer Buchhandlung arbeiten nicht “nur” ausgebildete Buchhändler: innen, sondern auch Quereinsteiger - z. B. Leute, die studieren oder studiert haben. Ich selbst habe Sprachwissenschaften/Pädagogik/Soziologie studiert und mal in einer Buchhandlung gearbeitet …

Und wie fachlich kompetent Experten sein können, weiß jede Person, die z. B. mal krank war und keine Diagnose bzw. verschiedene Diagnosen und Behandlungsoptionen erhalten hat …

Dann kommt noch “Ideologie” dazu, denn Experten sind auch nur Menschen mit Vorlieben und Abneigungen, die auch beruflich selten ganz außen vor bleiben …

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Ich gebe Dir grundsätzlich recht, für Physik habe ich erst gestern mit meinem Mann den Verfall des Physikabiturs verglichen mit unserer Zeit damals beklagt, und was das IQB so vorschlägt, ist zT haarstäubend. Naturwissenschaften verkommen zB zu Laberfächern. Aber zurück zu Deutsch:

Es gibt für 2026 zB Pflichtlektüren fürs Abi, um länderübergreifend das Deutschabitur vergleichbarer zu machen. Das ist für die nächsten drei Jahre Kleists zerbrochener Krug (haben wir damals in der 8. Klasse gelesen) und Heimsuchung von Erpenbeck. Einmal Drama, einmal Epik, bevorzugt ein Mann, eine Frau.

Natürlich gibt es Experten, die die Bezeichnung nicht verdienen, aber als Hobbyleserin habe ich einfach gar keinen Einblick in den Schulstoff. Und eine ernüchternde Ärzteodyssee habe ich auch schon hinter mir, mit der Folge, dass ich jedem Arzt erst mal sehr skeptisch gegenüberstehe und ihm nicht einfach blind vertraue, nur weil er Arzt ist. Ich bin wegen zu viel Renitenz bei Rückfragen auch schon mal aus einer Praxis geflogen. Trotzdem lasse ich mich im Zweifel von einem Chirurgen operieren und nicht von einem Mathematiker, der gerne nebenbei Medizinbücher liest (nur ein Beispiel, ich habe extra meinen Beruf genommen, damit sich niemand beleidigt fühlt).

Bei Lektüre sehe ich es genauso: Experten können irren, haben im Zweifel aber immer noch mehr Kompetenz als ein:e Durchschnittsleser:in ohne Ahnung vom aktuellen Schulbetrieb.

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Das ist entscheidend: Buchhändler ist bei NetGalley keine Qualifikation, sondern die Art des Zugangs zur Plattform, es kann ein Angestellter im Buchhandel sein.

Meine Erfahrung in den Sozialen Medien ist, dass der Begriff Pflichtleküre meist von kinderlosen Personen kommt, ohne Kenntnis, was an Schulen als Klassenlektüre gelesen wird. Das Thema Phantastik könnte ja auch in Form von Referaten stattfinden, in denen Schüler selbstgewählte Titel vorstellen/vergleichen.

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Ich habe null Vertrauen in die sogenannten Experten für „Pflichtlektüre“, denn “Ein fliehendes Pferd” hat mich damals in eine schlimme Depression gestürzt :wink:
Den Begriff „Pflichtlektüre“ dürfte es mMn gar nicht geben, denn Kinder/Jugendliche/Menschen bringen immer unterschiedliche Anlagen/Prägungen/Reifegrade mit sich und wird es immer welche geben, die nichts damit anfangen (auch wenn sie generell interessiert sind) können oder gar Schaden nehmen. Und das ändert sich ja auch immer wieder, also, was man lesen sollte und was lieber nicht mehr.
Also ja, selbstgewählte Bücher ist eine gute Sache! Das fördert oder schadet kaum mehr als die Expertenauswahl :wink:
Sind wir nicht alle kompetent, weil wir alle mal Schüler: innen waren!?

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Es ist völlig schmerzfrei zu schreiben: Dystopien waren in meiner Schulzeit kein Unterrichtsthema, wäre ich 1998 Schülerin gewesen, hätte es mich (nicht) interessiert …

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Wie willst Du denn Abiaufgaben stellen, wenn es keine gemeinsame Lektüre gibt, die für alle gilt? Und ja, das fliehende Pferd fand ich auch furchtbar, ebenso wie “ohne einander”, ich denke aber nicht, dass das heute noch gelesen wird, Martin Walser ist - zumindest bei den Büchern die ich kenne - typisch alter weißer Mann (ich hab beides freiwillig gelesen, nicht als Schullektüre.)

In der Schule muss man sich nun mal auch mit Themen befassen, die einem persönlich weniger liegen, ob das nun eine Klassenlektüre ist oder Kurvendiskussion. Das gehört dazu, und wird auch im Leben so sein, dass nicht immer alles Spaß macht.

Wo kommen wir hin, wenn Schüler ihren Stoff selbst festlegen? Davon halte ich Null. Diese Kompetenz muss man den Lehrkärften schon zubilligen. Selbst Gewähltes kann man privat lesen. Häufig erschließt sich der Sinn einer Lektüre auch erst im Rückblick. Ich bereue keine einzige Schullektüre, außer vielleicht Werther, den ich damals gehasst und stellenweise quergelesen habe.

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Ich halte nichts von „realitätsfernen“ Beispielen …

Du hast mit dem Medizinvergleich angefangen :wink: Insgesamt kommen wir hier aber sehr vom Thema ab…