Ich hatte beim Lesen vor allem den Eindruck, dass sich die Frauen nach Beziehungen mit Männern und Fortpflanzung zurücksehnen und ein Leben ohne Nachkommen, die das Leben weitertragen, trist und hoffnungslos ist. Ja, die Frauen bauen sich ein Leben ohne Männer auf, finden es aber nicht lebenswert - ich kann da nichts Feministisches erkennen.
Den Vergleich zu Atwood in der Buchbeschreibung kann ich so gar nicht nachvollziehen. Ich bin da gerade in der LR dabei und habe das Buch kürzlich beendet. Bis auf die Ausgangssituation - eine lebensfeindliche Umgebung, sei es durch atomare Verseuchung (Atwood) oder die karge Landschaft (Harpman) und eine sehr schwierige bzw. unmögliche Fortpflanzung - sehe ich da ganz wenig Parallelen.
Ich glaube nicht, dass sie auf einem anderen Planeten sind. Wo sollte dieser sein? In unserem Sonnensystem schon mal nicht, denn keiner der 8 Planeten weist eine erdähnliche Atmosphäre und eine identische Gravitation auf. Letztere wäre zwar zB bei Venus oder Uranus ähnlich, aber beide Planeten sind lebensfeindlich. Zudem sieht es in der Buchwelt aber aus wie auf der Erde - Wälder, Flüsse, Himmel, die gesamte Vegetation - das ist schon sehr abwegig. Also ein Exoplanet, der quasi ein Zwilling der Erde ist? Dass dieser von der Erde aus für Menschen erreichbar ist, ist nach heutigem Kenntnisstand unmöglich. Aber falls doch: Wohin sind die Bewacher so schnell verschwunden? Woher nehmen sie die Konserven und das Fleisch? Auf diesem Planeten gibt es offenbar nichts. Bringen sie es von der Erde? Falls dort noch Tiere und Pflanzen gedeihen, die auch noch genießbar sind, warum ist man überhaupt von dort weggegangen? Und woher kommt die Energie für die Kühlung, die Lüftung der Keller und des Schutzraumes, die Beleuchtung? Der Roman lässt das ja bewusst offen, und das stört mich massiv.
Falls es Raumschiffe gibt, die uns tatsächlich auf einen Exoplaneten bringen und die Wärter binnen Minuten von dort abheben lassen, wozu brauchen sie dort einen altmodischen Bus? Da keine anderen Fahrzeuge gefunden wurden, ist anzunehmen, dass das Raumschiff oder was auch immer die Wachen direkt an den Wachhäuschen abgeholt hat. Warum also ein einziger Bus?
Und warum zieht die Protagonistin die Kleidung der seit 25 Jahren vor sich hin modernden Leichen aus dem Bus an, wenn in den Spinden der Keller frische Hemden und Hosen zu finden sind? Also ich wüsste, wofür ich mich da entscheiden würde.
Die Protagonistin ist erstaunlich eloquent, kann analytisch denken, abstrahieren (Karten zeichnen), entdeckt, dass die Keller im Schachbrettmuster angeordnet sind. Abgesehen davon, dass es ihr schwerfällt, Zuneigung zu entwickeln und sie Berührungen nicht mag, hat sie die belastende Kindheit im Keller erstaunlich gut weggesteckt. Das scheint mir nicht schlüssig. Sie war vermutlich ein Kleinkind, als sie in den Keller kam, wurde niemals berührt, bekam wenig Ansprache und quasi keine Zuneigung. Sie hatte kein Spielzeug, wenig sensorische und intellektuelle Reize. Ich würde hier Anzeichen von Hospitalismus vermuten, Ängste, Unsicherheit. Sie ist im Gegenteil eher forsch und mutig. Ich hätte auch vermutet, dass sie durch die Umstände geistig eher wenig entwickelt sein dürfte. Stattdessen zieht sie als einzige logische Schlüsse, entwickelt ein Messverfahren für Zeit, eine Methode, das Gelände systematisch in Halbkreisen zu erkunden…ich bin Laie, aber hier würde mich das Urteil von Neurobiologen interessieren, ob so etwas unter diesen Umständen überhaupt möglich ist.
Mir ist schon klar, dass man so an diesem Roman vermutlich nicht rangehen darf, aber ich kann nicht anders…