Meine Gedanken zum Buch:
Zuerst fällt mir auf, wie anders der Ton im Vergleich zu Lady Oracle ist. Dort gibt es viel Humor und spitze Beobachtungen im Zwischenmenschlichen. Dieses Buch wirkt dagegen tatsächlich wie ein Repirtt: nüchtern, distanziert, kühl – als würde jemand Protokoll führen.
Auffällig ist die starke Präsenz von Frauen: die Ausbilderin, die Frauen im Haushalt, die Gruppen von Frauen, die gemeinsam „nach draußen“ dürfen. Frauen sind überall – und zugleich systematisch erniedrigt. Schon früh denkt Desfred darüber nach, wie Selbstmorde verhindert werden: keine Schnüre, kein Glas. Allein diese Gedanken zeigen, wie ausweglos die Situation ist.
Ihre Rolle als Gebärerin wird von außen entwürdigend kommentiert: „wenigstens tut sie es für uns alle“. Das klingt scheinbar aufwertend, ist aber zutiefst respektlos. Die Marthas haben klar zugewiesene Aufgaben, ohne Überschneidungen – jede Frau wird auf eine Funktion reduziert. Tante Lydia liefert dazu ein ganzes Regelwerk: keine Zigaretten, kein Alkohol, kein Kaffee. Die Gebärenden sollen sich möglichst unsichtbar machen, um die „eigentliche“ Frau nicht zu stören. Diese darf sie ablehnen, beschimpfen. schwer auszuhalten.
Besonders krass: Die Gebärenden dürfen geschlagen werden – allerdings nur mit der Hand, nicht mit Gegenständen. Diese scheinheilige „Moral“ ist brutal. Dazu kommen die „Augen“ als Spitzel. Misstrauen unter Frauen ist Teil des Systems. Die blauen Kleider zeigen: Selbst über den eigenen Körper und die Kleidung gibt es keine Kontrolle.
Der Satz „In den Tagen der Anarchie war es die Freiheit zu – jetzt ist es die Freiheit von“ hat sich mir eingeprägt. Eine perfide Umdeutung von Freiheit, um Menschen ruhigzustellen.
Die Touristen-Szene hat mich erschüttert – auch, weil sie mich an eigene Naivität erinnert: von außen auf ein repressives System zu schauen und es nicht wirklich zu begreifen. Dieses „Seid ihr glücklich?“ ist so blind für die Realität der Frauen.
Die aufgehängten Leichen zur Abschreckung haben bei mir starke Assoziationen an das Dritte Reich geweckt.
Der Satz „Wir glaubten, wir hätten furchtbare Probleme. Woher sollten wir wissen, dass wir glücklich waren?“ machte mich wach – ein Gedanke, den man sich tatsächlich öfter bewusst machen sollte.
Die Erniedrigung der Frauen funktioniert auch über die Behauptung, es gebe keine sterilen Männer, nur fruchtbare und unfruchtbare Frauen. Schuld wird konsequent auf die Frau abgewälzt. Der Arzt, der sich als „Alternative“ anbietet, ist für mich ebenfalls extrem unangenehm – Machtmissbrauch in Reinform.
Besonders schlimm fand ich die Szene, in der junge Frauen kollektiv beschämt werden und selbst bei Vergewaltigung „mitschuldig“ sein sollen. Dieses erzwungene Rufen in der Gruppe ist so menschenverachtend, dass es beim Lesen körperlich weh tat. Auch die verschwundene Frau, die tagelang nicht laufen konnte, weil ihre Füße mit Stahlkabeln gefoltert wurden, hat mich sehr an Berichte aus der NS-Zeit erinnert. Das war schwer zu ertragen.
Kein leichtes Buch, aber eines, dass in der Schule gelesen gehört.