Klassiker-Leserunde: Der Report der Magd

Die Rückblicke finde ich auch sehr gelungen! Zum Teil wechseln die zeitlichen Perspektiven ja sehr schnell. In einem Satz sind wir in der Vergangenheit und dann wieder in der Gegenwart.

@simonef Hat das für dich im Hörbuch funktioniert? Ich dachte an den Stellen immer, ob dich das beim Hören nicht zu sehr verwirren könnte. Ich musste schon aufmerksam lesen.

1 „Gefällt mir“

Im Buch geht es aber um die Wandlung, so scheint mir, aus einem Amerika der 1980’er Jahre zu so einem Fundamentalismus. Und das binnen 5-8 Jahren. Und genau das wird mir zu wenig erläutert (bis jetzt). Spielte das Buch in einer anderen Kultur oder auf einem fremden Planeten, hätte ich mich sicher leichter damit anfreunden können, dass es dort eben so ist, wie es ist. Aber wie man sich in so kurzer Zeit so komplett drehen kann oder zum Schweigen gebracht wird, das wird mir momentan zu sehr behauptet und noch nicht bewiesen! :woman_shrugging:

1 „Gefällt mir“

Ich glaube da kann ich einfach drüber hinwegsehen, dass der Zeitraum vielleicht etwas kurz ist. Und ich hoffe bzw. gehe davon aus, dass da im Laufe des Buches noch mehr Einblick ins System kommt (an einer Stelle sagt Desfred, dass sie die Zeremonie nicht als Vergewaltigung empfinden würde, weil sie sich freiwillig gemeldet hätte. Da hoffe ich auf eine Auflösung! Also was sie unter “freiwillig” versteht und wie es letztlich zu ihrer Position als Magd gekommen ist).

2 „Gefällt mir“

Ja, die Frau die gerade das Baby bekommen hat, wird zur Belohnung nie in die Kolonien geschickt. Es muss also einen eklatanten Unterschied geben, so dass man sich all das antut!

Ich glaube, Magd konnte sie (u.a.) werden, weil sie durch ihre Tochter ihre Fruchtbarkeit schon bewiesen hatte. Da gibt es sicher Tests für.

2 „Gefällt mir“

Ich habe seeeehr viel hin- und hergespult, nochmal gehört etc. Ich konnte auch immer nur kurze Zeit hören und hab dann wieder Pause gemacht, weil ich mich viel mehr konzentrieren musste, als wenn ich das Buch selber lese. Wer sich nicht selbst geißeln will, sollte auf keinen Fall zum Hörbuch greifen, dafür ist dieses Buch denkbar ungeeignet.

2 „Gefällt mir“

Das dürfte vermutlich für alle politischen Systeme gelten, die mit Geheimpolizei, Spitzelsystem etc. arbeiten. Auch aus der DDR kennt man ja entsprechende Berichte.

3 „Gefällt mir“

Wenn ich da an Iran nach dem Sturz des Schah und die islamische Revolution denke, erscheint mir der kurze Zeitraum leider plausibel.

Wenn wir Pech haben, sind wir gerade live dabei bei einer radikalen und extrem schnellen Umwälzung. Wenn sich Trumps Gefolge rund um Vance, Rubio und Konsorten halten kann, die Fanatiker um Kirk und TP USA an Einfluss gewinnen, bin ich mir nicht sicher, wie es in den USA in 8 Jahren aussieht. Ich hätte ehrlich gesagt auch nie gedacht, dass der US-amerikanische Rechtsstaat bereits binnen eines Jahres so weit ausgehölt wird und selbst die intellektuelle Elite an den besten Universitäten kuscht, um Fördermittel nicht zu verlieren und nicht mit Millardenklagen überzogen zu werden. (Ich muss editieren und darf nicht neu antworten, weil ich nur 3 Beiträge hintereinander schreiben darf).

4 „Gefällt mir“

Das verstehe ich und sehe es mit großer Sorge, aber in all diesen realen Beispielen haben wir eine herrschende Klasse, die diese Macht auch ausnutzt. Das “Wozu” wird mir hier deutlich - Machterhalt!

Bisher habe ich in Gilead nur die Tanten kennen gelernt, die in so eine Richtung gehen. Männer auf der Straße, ohne höhere Stellung scheinen diese Macht nicht zu haben. Selbst Kommandanten dürfen nicht alles machen, was sie wollen und müssen diesen merkwürdigen Beischlaf “abarbeiten”. Ich sehe also noch keine herrschende Klasse, die wirklich einen Vorteil hat. Und das irritiert mich so!

2 „Gefällt mir“

Ja, das ist diese mögliche Schwäche im Konstrukt, wo ich Dir oben bereits zugestimmt habe. Mal sehen, ob das im zweiten Teil noch besser erläutert wird. Dass ein Land binnen weniger Jahre radikal umgewälzt wird, kann ich mir vorstellen, aber wie Du schreibst, braucht es dazu ein politisches Konzept/eine Herrschaftsklasse, die von der Unterdrückung profitiert.

2 „Gefällt mir“

Wie empfindet ihr Desfred als Protagonistin?

Ich fühle mich ihr und ihrem Bericht sehr nah, bin gleichzeitig aber überrascht über ihre “Ruhe” (ich kann es gerade nicht besser ausdrücken). Obwohl sie immer wieder Äußerungen hinsichtlich eines möglichen Suizid tätigt, zeigt sie über weite Teile des Romans keine großen emotionalen Ausbrüche wie etwa Verzweiflung (in einer Szene mit dem Kommandanten bricht sie kurz aus und äußert Wut). An einer Stelle sagt sie sinngemäß, dass sie innerlich tot sei. Diese Aussage passt zu ihrem Verhalten, wenngleich sie nach wie vor die Hoffnung auf ein Ende dieses Horrors hat und auf ein Wiedersehen mit Luke hofft

2 „Gefällt mir“

So habe ich mir ihre Ruhe, die teilweise schon seltsam unbeteiligt wirkt, erklärt. Mir scheint, sie hat resigniert. Dass sie Suizid begeht, kann ich mir nicht vorstellen, solange sie noch die Hoffnung in sich trägt, etwas über den Verbleib ihrer Tochter zu erfahren.

3 „Gefällt mir“

Ich fand sehr stark, dass sie drei Versionen bedenkt, was mit Luke passiert sein kann. Und dass sie immer wieder ihren Verstand überprüft, also Sorge hat, ihn in diesem Irrsinn zu verlieren.

Und ehrlich fand ich auch die Aussage, dass jeder Bericht eine Rekonstruktion ist, die Dinge auslässt, weil man nie alles exakt wieder geben kann. Sie erkennt irgendwie ihre eigenen Schwächen als Berichterstatterin!

Und wie Ihr gesagt habt, in so einem System versucht sie durchzuhalten. Wahrscheinlich ist es da klug, den Kopf unten zu halten und nicht aufzufallen. Auf der anderen Seite traut sie sich aber trotzdem, nach Moira zu fragen, als sich die Chance ergibt.

3 „Gefällt mir“

Oh ja! Die Stelle hat mir auch sehr gut gefallen und zum Nachdenken bewegt

2 „Gefällt mir“

Meine Gedanken zum Buch:

Zuerst fällt mir auf, wie anders der Ton im Vergleich zu Lady Oracle ist. Dort gibt es viel Humor und spitze Beobachtungen im Zwischenmenschlichen. Dieses Buch wirkt dagegen tatsächlich wie ein Repirtt: nüchtern, distanziert, kühl – als würde jemand Protokoll führen.

Auffällig ist die starke Präsenz von Frauen: die Ausbilderin, die Frauen im Haushalt, die Gruppen von Frauen, die gemeinsam „nach draußen“ dürfen. Frauen sind überall – und zugleich systematisch erniedrigt. Schon früh denkt Desfred darüber nach, wie Selbstmorde verhindert werden: keine Schnüre, kein Glas. Allein diese Gedanken zeigen, wie ausweglos die Situation ist.

Ihre Rolle als Gebärerin wird von außen entwürdigend kommentiert: „wenigstens tut sie es für uns alle“. Das klingt scheinbar aufwertend, ist aber zutiefst respektlos. Die Marthas haben klar zugewiesene Aufgaben, ohne Überschneidungen – jede Frau wird auf eine Funktion reduziert. Tante Lydia liefert dazu ein ganzes Regelwerk: keine Zigaretten, kein Alkohol, kein Kaffee. Die Gebärenden sollen sich möglichst unsichtbar machen, um die „eigentliche“ Frau nicht zu stören. Diese darf sie ablehnen, beschimpfen. schwer auszuhalten.

Besonders krass: Die Gebärenden dürfen geschlagen werden – allerdings nur mit der Hand, nicht mit Gegenständen. Diese scheinheilige „Moral“ ist brutal. Dazu kommen die „Augen“ als Spitzel. Misstrauen unter Frauen ist Teil des Systems. Die blauen Kleider zeigen: Selbst über den eigenen Körper und die Kleidung gibt es keine Kontrolle.

Der Satz „In den Tagen der Anarchie war es die Freiheit zu – jetzt ist es die Freiheit von“ hat sich mir eingeprägt. Eine perfide Umdeutung von Freiheit, um Menschen ruhigzustellen.

Die Touristen-Szene hat mich erschüttert – auch, weil sie mich an eigene Naivität erinnert: von außen auf ein repressives System zu schauen und es nicht wirklich zu begreifen. Dieses „Seid ihr glücklich?“ ist so blind für die Realität der Frauen.

Die aufgehängten Leichen zur Abschreckung haben bei mir starke Assoziationen an das Dritte Reich geweckt.

Der Satz „Wir glaubten, wir hätten furchtbare Probleme. Woher sollten wir wissen, dass wir glücklich waren?“ machte mich wach – ein Gedanke, den man sich tatsächlich öfter bewusst machen sollte.

Die Erniedrigung der Frauen funktioniert auch über die Behauptung, es gebe keine sterilen Männer, nur fruchtbare und unfruchtbare Frauen. Schuld wird konsequent auf die Frau abgewälzt. Der Arzt, der sich als „Alternative“ anbietet, ist für mich ebenfalls extrem unangenehm – Machtmissbrauch in Reinform.

Besonders schlimm fand ich die Szene, in der junge Frauen kollektiv beschämt werden und selbst bei Vergewaltigung „mitschuldig“ sein sollen. Dieses erzwungene Rufen in der Gruppe ist so menschenverachtend, dass es beim Lesen körperlich weh tat. Auch die verschwundene Frau, die tagelang nicht laufen konnte, weil ihre Füße mit Stahlkabeln gefoltert wurden, hat mich sehr an Berichte aus der NS-Zeit erinnert. Das war schwer zu ertragen.

Kein leichtes Buch, aber eines, dass in der Schule gelesen gehört.

6 „Gefällt mir“

Oh ja! Eine perfide Umdeutung von Freiheit und auch von Feminismus. Im Sinne von “Ihr wolltet doch, dass euch die Männer nicht mehr angucken und begrapschen” - nun sind Frauen frei von sexuellen Übergriffen, sind aber maximal unfrei und rechtelos.

Dass allein Frauen die “Schuld” bei Unfruchtbarkeit zugesprochen bekommen, war in der Vergangenheit ja auch an der Tagesordnung und gibt es teilweise auch heute noch.

4 „Gefällt mir“

Komisch finde ich, dass die alle blau gekleidet sind. Irgendwie sind alle uniformiert.

Die sind zwar privilegiert, aber irgendwie ist das auch langweilig, oder?

2 „Gefällt mir“

Das verstehe ich. Tatsächlich frage mich auch: wo läuft das denn alles zusammen? Und: warum funktioniert es so gut?

1 „Gefällt mir“

Es ist ja noch gar nicht lange her, dass diese These auch bei uns gang und gäbe war. Mir fällt da ein Beitrag der Süddeutschen ein, den ich erst gestern gelesen habe. Laut einer Psychotherapeutin in einem Wiener Kinderwunschzentrum steckt in den Köpfen vieler Menschen immer noch die Annahme, dass es an der Frau liegt, wenn es mit der Schwangerschaft nicht klappt. Und das im Jahr 2026!

6 „Gefällt mir“

Hattest Du es in der Schule gelesen?

Da hast Du Recht.

Hinterher und von außen ist es deutlich leichter als mittendrin. Ich hoffe nur, dass ich mutig bin, wenn es künftig wichtig ist.

3 „Gefällt mir“