Klassiker-Leserunde: Der Besuch der alten Dame (Dürrenmatt)

Das ist mir auch aufgefallen. Das Stück ist 1955 entstanden, und ich fürchte, die Vorurteile, die die vier Bürger hier reihum vorbringen (Freimaurer/Juden/Kommunisten/Hochfinanz), waren damals noch tief verankert. In abgewandelter Form hat sich mit den Verschwörungstheorien heute da leider gar nicht so viel verändert.

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Der Rechtsweg wäre zu einfach. Ich glaube sie will zeigen, dass sie es trotz seines Verrats zu was gebracht hat und es sich jetzt einfach leisten kann, moralisch anders zu handeln. Sie sagt ja meine ich auch Recht ist was für Millionäre, Milliadäre kaufen sich eine Weltordnung

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Sie hat so viel Macht, da kann sie sich auch einen mühseligen Rechtsweg sparen. Davon abgesehen glaubte man Frauen - damals mehr noch als heute - sowieso weniger.

Dass sie damit gar nicht so falsch liegt, sieht man ja aktuell wieder. Im dritten Akt ist da auch ein knackiges Zitat, das ich mir angestrichen habe, wo sie es nochmal auf den Punkt bringt:
Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell.

Ich könnte mir auch vorstellen, dass es ihr nicht um Gerechtigkeit im juristischen Sinne geht, sondern um Macht (angesichts ihrer Ohnmacht damals) und um simple Rache. Immerhin wurde ihr auch ihr Kind weggenommen, das dann als Kleinkind verstorben ist. Hätte Ill sich zu seiner Vaterschaft bekannt und Claire geheiratet, statt sich die finanziell besten Partie zu suchen, würde ihr gemeinsames Kind vielleicht noch leben. Das ist etwas, das nicht mehr wiedergutzumachen ist.

Das Ende ist (wie immer bei Dürrenmatt) hart und konsequent, und ich finde das, so krass das erst mal klingt, gut, dass er keinen einfachen Ausweg sucht, indem Claire sich erweichen lässt, Ill Suizid begeht o.ä. Laut Anhang und Wikipedia gab es für die US-Verfilmung 1964 auf Drängen von 20th Century Fox stattdessen ein Happy End, bei dem Claire Ill begnadigt. Na klar, dass die Frau letztendlich brav nachgibt….Da finde ich die drastische Version weit eindrücklicher und dramaturgisch besser.

Das Nachwort Dürrenmatts finde ich sehr interessant. Ich habe den zweiten Akt tatsächlich so gelesen, dass die Bürger dachten, “irgendwer wird Ill schon töten”, und sich deshalb schon mal das ein oder andere leisteten. Dürrenmatt selbst dachte wohl nicht ganz so schlecht von den Menschen, da er sinngemäß schreibt, dass sie eher allgemein davon ausgingen, dass sich die Sache irgendwie fügen und Claire letztendlich schon spenden würde. Erst durch die Schlüsselszene in Peters Scheune gleich zu Beginn des dritten Akts wendet sich die Stimmung. Das hatte ich so nicht auf dem Schirm, vor allem, weil ich dachte, dass der frei herumlaufende Panther (auch durch die Doppelbedeutung, dass das früher Ills Kosename war) als Vorwand dienen sollte, Jagd auf das Tier zu machen und dabei “aus Versehen” Ill zu erschießen. Wer den Panther freigelassen hat, wird ja nicht klar, aber ich verstehe es so, dass es auf Betreiben Claires passiert ist und das Teil ihres geradezu perfiden Plans war, Ill dadurch in den Wahnsinn zu treiben und die Bürger zur Jagd auf beide zu animieren.

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Dieses Zitat habe ich mir auch notiert.

Recht ist was für Millionäre, Milliardäre kaufen sich eine Weltordnung

Und auch das ist bemerkenswert und ich finde,absolut wahr, auch heute noch so aktuell wie damals.

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Ich sehe das wie du und finde es gut, dass es sk ausgegangen ist wie es ist. Auch die Szene mit dem Knäuel und die Ausreden, die das Dorf findet um eine moralisch schlechte Entscheidung mit einer anderen zu entschuldigen fand ich super aktuell. Ich mochte auch dass Claire sich die Macht nimmt und Ill sogar im Tod noch an sich bindet, ihn quasi im Tode noch dazu zwingt, bei ihr zu bleiben. Dass sie sich damit auch selbst belastet nimmt sie dann wahrscheinlich zu gerne in Kauf.

Oh ja, und das ist im Buch auch so super umgesetzt.

Ich habe schon seit Ewigkeiten kein Bühnenstück mehr gelesen und war gespannt, wie ich es empfinden würde. Mir hat es wirklich gut gefallen, und ich finde es bemerkenswert, wie viel Dürrenmatt in relativ wenige Seiten packt. Ich bin ja generell ein Fan von Autor:innen, die sich kurzfassen können und Dinge prägnant auf den Punkt bringen.

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Sagt mal, wie habt ihr es empfunden ein Theaterstück zu lesen? Das war das erste Mal seit der Schulzeit, dass ich ein solches Stück gelesen habe. Und so sehr ich Dürrenmatts Werk thematisch und inhaltlich absolut gelungen finde, so kann ich doch keinerlei Nähe zu den Protagonisten aufbauen. Dabei ist es gerade das, was ich sonst beim Lesen sehr schätze, wenn ich einer Figur und ihrer Lebens- & Gefühlswelt nahe kommen kann.

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Haha, da haben wir uns ein bisschen überschnitten beim Posten. Was Nähe angeht, empfinde ich wie Du. Ich frage mich, ob es vielleicht gar nicht erwünscht ist, sondern der Leser bzw. Zuschauer das Ganze aus einer gewissen emotionalen DIstanz sehen soll. Natürlich nicht so stark wie beim epischen Theater, aber vielleicht ein bisschen?

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Ach, witzig. :sweat_smile:

Das ist ein guter Punkt. Es könnte schon auch gewollt sein, diese Rolle, die wir als distanzierte Zuschauerinnen einnehmen.

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Ich hatte die ersten paar Seiten ein paar Probleme, die ganzen Leute auseinander zu halten aber das hat sich jetzt hjntenraus gelegt. Ich habe dann direkt danach den schwarz-weiß Film geschaut und da kam das mit den Emotionen nochmal anders raus (obwohl ich finde gerade der Schauspieler von Ill hat interessante Entscheidungen in seiner Interpretation getroffen)

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Das habe ich auch noch vor. 2008 oder so habe ich die neuere Verfilmung mit Christiane Hörbiger als Claire gesehen, aber die von 1959 kenne ich noch nicht.

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Ich lese gerne Theaterstücke, durch die Regieanweisungen kann ich mir das Setting etc. hervorragend vorstellen.

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Insgesamt habe ich das Stück geliebt, es ist so aktuell wie es nur irgendwie sein kann. Auch heute noch gilt, dass jeder Mensch seinen Preis hat. Und man für Geld alles bekommt.

Natürlich ist Ill in dem Sinne auch ein Verbrecher. Trotzdem hat mir seine Figur gefallen ich hatte sogar Respekt vor ihm, besonders am Ende. Die Dorfbewohner finde ich scheinheilig, dass hat mich zum Teil echt angeekelt, das Schönreden und die Gier. Ich finde das Dorf ist selbst auch schuld, auch sie haben damals ein “gefallenes Mädchen” nicht im Dorf haben wollen.

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Das geht mir auch so. Wie er sich in sein Schicksal fügt und das Urteil annimmt, zeugt von einer gewissen Größe, trotz allem, was er sich zuschulden hatte kommen lassen.

Ich stimme Dir zu. Die Kommentare zu Luise zeigen, dass sie auch nichts dazugelernt haben. Mich hat auch die Reaktion von Ills Kindern nachdenklich gemacht. Sie sind völlig unbekümmert, ziehen ihren Vorteil aus der Situation, aber setzen sich in keinster Weise mit der Vergangenheit ihres Vaters auseinander. Am Anfang wird ja erwähnt, dass Ill sehr beliebt und respektiert ist, und dann kommt plötzlich so ein moralisch verwerfliches Verhalten ans Licht. Da erwartet man doch eigentlich, dass sich die Kinder mit dem neuen Bild, das sie von ihrem Vater bekommen, beschäftigen, sie die Situation in irgendeiner Weise belastet.

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Und genau das spiegelt auch wieder, dass sich bis in die heutige Zeit nichts geändert hat, Kinder die ihre Eltern für eine “gute Story” und ein Butterbrot preisgeben, natürlich auch umgekehrt, damals wie heute.

Denn selbst in der Bibel bei Matthäus 10,21 und Markus 13,12 steht

Kinder werden sich gegen ihre Eltern auflehnen und sie sogar dem Tod ausliefern.

Es ist einfach nur eine Frage des Preises.

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Auch das Verhalten von Ills Ehefrau ist skurril, denn sie war damals involviert in das Geschehen, wer weiß was sie dem armen Ill für sein damaliges Verhalten verheißen hat.

Wenn Ill mein Vater wäre hätte ich mich als Kind zumindest für ihn geschämt, auch um sein Leben gebangt.Nicht Tennisstunden genommen und einen schicken Wagen gekauft.

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Vielleicht sagt das Verhalten der Familie ja auch was über den Charakter von Ill aus, wenn selber die eigene Familie lieber das Geld nimmt?!

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Ein sehr guter Aspekt

Wir sehen ja auch nicht, wie die Familie vor der Ankunft von Claire miteinander umgegangen ist.

Die Scham für den Vater kann aber auch der Empörung und gar Wut über sein früheres Verhalten weichen.