Klassiker-Leserunde: Der Besuch der alten Dame (Dürrenmatt)

Das Stück ist wirklich hart, trifft aber viele Teile der Realität (auch heute noch) wirklich hervorragend. Da scheint es sich also wirklich um ein dem Menschen grundsätzlich inneliegendes Verhalten zu handeln. Erschreckend!

Welche Macht man mit Geld hat, sehen wir heute auch an vielen Beispielen. Ich habe gerade ein Buch über die Finanzierung und Geldquellen einer bestimmten Partei gelesen, das war genauso erschreckend.

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Ich glaube tatsächlich auch dass die Frau vorher behandelt wurde wie die zweit Wahl, das wird sie schon wissen und deshalb war es dann einfacher für sie, das Urteil zu Akzeptieren.

Genau das meine ich, so wäre es mir auch gegangen.

Zu Ills Frau: Denkst Du, sie wusste damals über alles Bescheid?

Andererseits heißt es ja am Anfang, dass Ill in Güllen ganz besonders respektiert und der beliebteste Bürger war. Natürlich sind viele Leute sind nach außen aber völlig anders als zuhause…

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Er wird ihr nicht alles gesagt haben, aber sie hat ihn vielleicht erfolgreich überzeugt, dass er sie heiratet.

Und in der Gegenwart schafft sie sich Pelzmäntel an und sie scheint mir auch nicht besonders traurig zu sein. Von wegen “In guten wie in schlechten Tagen”.

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Eine Figur habe ich bisher ganz vergessen zu erwähnen: Ausgesprochen gut hat mir gefallen, wie der Lehrer dargestellt wurde. Er war der einzige, der das Geschehen auch vom moralischen Standpunkt aus durchblickte und sich seiner eigenen Schwäche voll bewusst war. Mir kam es beim Lesen so vor, als hätte Dürrenmatt hier einen unmittelbaren Bezug zu dessen Beruf und Bildung (auch im Hinblick auf die griechische Mythologie) hergestellt, die ihn intellektuell dazu in die Lage versetzte, das Dilemma in seiner Gänze zu erkennen (und daran zu verzweifeln). Das kann man natürlich diskutieren, da Moral und Bildung nicht per se in Zusammenhang stehen. Der Pfarrer hingegen zeigt dieselbe Schwäche wie alle anderen auch.

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Es ging mir mit der emotionalen Distanz ebenfalls so - allerdings bewirkte diese, dass ich mich ständig hinterfragte, wie ich selbst wohl handeln oder reagieren würde. Ich glaube, bei einer stärkeren Identifikation mit einer konkreten Figur wäre ich emotional und auch rational klarer auf einer Seite verortet gewesen und hätte die anderen Perspektiven nicht mehr auf mich bezogen.

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Absolut - das fand ich auch einfach widerlich, wie sie sich die Wahrheit hingebogen haben. Auch wie der Bürgermeister Ill aufforderte, Selbstmord zu begehen.

Ill ist zwar Schuld daran, dass Claire damals nur noch die Flucht blieb, aber keiner der Dorfbewohner hat sich ihrer zuvor angenommen. Stattdessen Häme und Spott…

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Ich bin wirklich angetan davon, wie geradlinig und schnörkellos Dürrenmatt sein Theaterstück geschrieben hat. Das Ende hatte mich zuerst ernüchtert, dank des anschließenden Kommentars des Autors konnte ich aber gut nachvollziehen, warum er sich für dieses Ende entschieden hat - und finde es nun sogar richtig passend :ok_hand:t2: Er wollte keine Moral vermitteln, sondern einfach zeigen, wie die Menschen sind. Und das passt erschreckenderweise ziemlich gut.

Eine weitere Überraschung hatte die Geschichte für mich - als Claire vermittelte, dass sie das ganze Dorf über die vergangenen Jahrzehnte aufgekauft habe, um es verfallen zu lassen, wie die Einwohner sie haben fallen lassen. Damit hatte ich nicht gerechnet, es passte aber sehr zu Claire und ihrem umfassenden Bedürfnis nach Rache.

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Mir ist es auch so vorgekommen, dass das ganze Dorf als Kollektiv froh war Ill als Sündenbock abzustempeln, er büßt quasi für alle (sogar mit seinem Leben), die Dorfgemeinschaft kommt noch mit erheblichem Vorteil aus der Geschichte heraus.

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Letztendlich konnte auch der Lehrer der dem Alkohol verfallen ist, bzw versucht seine Bedenken mit Alkohol zu betäuben, mich nicht mehr beeindrucken.

Als er Ill am Ende ebenso verurteilt, habe ich ihn dafür umso mehr verachtet, als er scheinheilig (womöglich auch resignierend) feststellt:

“Es geht nicht um Geld es geht um die Gerechtigkeit”

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Ja, er fällt am Schluss genauso um wie alle anderen. Das sieht er in der Laden-Szene bereits kommen. Auch ich werde mitmachen. Ich fühle, wie ich langsam zu einem Mörder werde. Aber er ist der einzige, der sich wenigstens seiner Schwäche voll bewusst ist und Ill zu überzeugen versucht, sein Leben zu retten. Er erkennt auch, dass er und die anderen sich eines Tages für ihr Verhalten und die bevorstehende Tötung Ills verantworten müssen:
Noch weiß ich, dass auch zu uns einmal eine alte Dame kommen wird, und dass dann mit uns geschehen wird, was nun mit Ihnen geschieht, doch bald, in wenigen Stunden vielleicht, werde ich es nicht mehr wissen.

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Ich bin überrascht, dass Ill sich noch so gefangen hat, dass er die Abstimmung seiner Mitbürger annimmt, egal was kommt, und insgeheim auch weiß, dass er sterben wird. Irgendwie aber traurig, dass er nie Stellung zu seiner Tat nimmt und sich zB bei Claire entschuldigt. Warum hat er damals überhaupt so gehandelt? Er dachte doch nicht wirklich, dass er ihr mit einen unehelichen Kind ein besseres Leben ermöglicht als in dem Kaff? Zumal Güllen auch erst später immer verwahrloster wurde, da Claire die Firmen aufkaufte und die Arbeit einstellen ließ. Sie will, dass Ill für seinen Fehler bestraft wird. Aber ist sie wirklich rachsüchtig? Ich verbinde damit Wut und aufgewühlte Gefühle, aber als die beiden im dritten Akt im Wald sitzen (und auch bisher sonst) schwelgen sie in Erinnerungen und Claire meinte hier auch, es wäre „schön ihn zu treffen“ (S 113). Claire agiert oft auch wie Männer, finde ich. Sie tauscht einfach ihre Ehemänner aus, lässt sich nach Lust und Laune scheiden, hat ihr Vermögen durch Heirat und Erbe angehäuft, heiratet im Münster in Güllen, weil sie sich das immer gewünscht hat, der Mann ist nur Requisite und schnell wieder geschieden. Sie sagt auch „Einen Mann hält man sich zu Ausstellungszwecken, nichts als Nutzobjekt“ So wie früher auch nach Adel und/oder Geld und eine hübsche Frau am Arm geheiratet wurde.

Die Anmerkungen finde ich gut. Interessant, dass die Güllener anfangs gar nicht mit Ills Tod gerechnet haben, sondern das Geld irgendwie anders zu bekommen (Irgendwie auch engstirnig, mir war klar, dass Claire nicht nachgeben würde, dass es kein Scherz ist). Dass sie sich später ihre Tat aber schön reden „Nicht des Geldes wegen“, „Wer reinen Herzens die Gerechtigkeit verwirklichen will“, ist auch tragisch. Doppelmoral, wie der Polizist und die anderen Ill für sein damaliges Verhalten beschimpfen (war schlimm), aber selbst nicht merken, dass sie gerade jemanden für Geld ermorden, während der Polizist eigentlich Recht und Ordnung sorgen müsste (Todesstrafe war ja schon abgeschafft). Wobei die Güllener lange gelitten haben, das Geld von Claire, ob es jetzt greifbar war und Ills Verurteilung gerecht oder nicht, war ein Hoffnungsschimmer, den sie nie und nimmer aufgegeben hätten. Alleine wegen der Armut und des möglichen Wohlstandes: „Entweder krepiert einer, oder wir krepieren alle“ (alternativer 3. Akt). Den alternativen 3. Akt finde ich besser, da kommt mehr Gefühl und Hintergrund zum Vorschein.

Wie ist Ill eigentlich gestorben? Der Moment war so versteckt. Wurde er in der Menschentraube erstickt oder zu Tode getrampelt? Letztendlich ist es wohl egal, wer er es getan hat, weil es die Gemeinschaft war, aber mich hätte schon interessiert, wie sie es lösen. Welche Person sie für die Tat auswählen etc.

Die Begriffserklärung am Ende finde ich teilweise seltsam. Man wird vom Kritiker, zu U und dann X geführt, aber nichts Sinnvolles dazu gesagt. Erinnert mich an die Redewendungen, jemanden ein X für ein U vorzumachen :smiley:

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Den will ich auch noch schauen. Ich war am Ende ganz überrascht, wie erfolgreich das Theaterstück war und sogar in New York aufgeführt und verfilmt wurde.

Ich mag auch lieber Romane und anschauliche Beschreibungen zu den Gefühlen und Gedanken der Protagonist*innen. Ich hab damit gerechnet, da es ja ein Theaterstück ist, dass davon wenig vermittelt wird, aber ich fand es gar nicht so schlecht wie erwartet! Durch die Gespräche kommt die Motivation der Figuren gut rüber, finde ich.

Guter Punkt! Der Lehrer ist auch oft derjenige, der das Wort ergreift und die wichtigen Reden schwingt; im Gegensatz zum Bürgermeister. Ich war auch im ersten Akt überrascht, als Ill mit seiner Paranoia zum Pfarrer geht und dieser ihm die Worte (zB “Ich befinde mich in der Hölle”) so umdreht, dass Ill das durchstehen muss, als wäre das Geschehen gottgegeben und die Bewohner könnten es nicht aktiv beeinflussen.

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Nein, als Ill das sagt (im 1. Akt?), sucht er nur Ausflüchte, um sein Verhalten im Nachhinein schönzureden. Ich denke, Claires Schicksal war ihm damals tatsächlich egal.

Interessant, ich mochte ihn gar nicht und finde die Originalversion besser. Die Presseleute fehlen in der Alternative, und damit auch die Passage, wo der Verkauf des Beils für ein Foto gestellt wird. Die Presse inszeniert hier etwas fürs Foto, und trifft damit unwissentlich ins Schwarze, was ihr aber gar nicht bewusst wird. Herrlich, dass der Pressetyp “gestorben” sagt, als die Aufnahme im Kasten ist. Im ganzen Stück wird die Presse ihrer Aufgabe nicht gerecht, weil sie den Lesern/Zuschauern etwas verkauft, was nicht der Realität entspricht; sie kapiert einfach gar nichts. Das gipfelt dann wunderbar in der Versammlungsszene, wo sie den “Freudenausruf” von Ill (“Oh Gott”) missverstehen und später auch “Tod durch Freude” konstatieren. Im originalen 3. Akt finde ich auch den Lehrer besser. Was in der Alternative gut rüberkommt, ist die Not der Bevölkerung.Als der Bürger den Lehrer daran hindern will, zur Presse zu gehen und die Wahrheit offenzulegen, sagt er, ihm sei ein Sohn gestorben, weil er kein Geld für Medizin hatte.

Ich habe das so verstanden, dass dies ein Ausdruck des schwierigen Verhältnisses ist, das Dürrenmatt gegenüber Kritkern hatte. Er fühlte sich ja immer un- bzw. missverstanden, und bekam auch nie die ganz große Anerkennung, die anderen Dichtern zuteil wurde. Mich erinnert das auch ein bisschen an die Kurzgeschichte “Mister X macht Ferien”, da kommt das Motiv, jemandem ein X für ein U vorzumachen, auch zentral vor.

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Bin diese Woche nicht dazu gekommen, mich an der Diskussion zu beteiligen und jetzt habt ihr eigentlich alles schon gesagt:) Ich bin auf jeden Fall dankbar für euch und diese Leserunde, weil ich weiß, dass ich sonst nie die Motivation gehabt hätte das Stück zu lesen. Und es hat mir echt gut gefallen, obwohl ich eigentlich nicht gerne Theaterstücke lese und ich werde auf jeden Fall die Verfilmung sehen und hoffentlich auch mal eine Theaterinszenierung.

Die Absurdität des ganzen hat mich oft zum Schmunzeln gebracht und gleichzeitig wirft es spannende Fragen über die Moral und Gier der Menschen auf. Der Kritikpunkt, dass Milliardäre eigentlich über dem Gesetz stehen und schwer mit Demokratie vereinbar sind, ist wirklich so aktuell wie noch nie. Genial fand ich da wirklich den Plottwist, dass Claire die ganze Stadt gehört und sie sie mit Absicht hat verfallen lassen. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet und das macht ihre ganze Racheaktion natürlich noch genialer, gleichzeitig ist es auch eine sehr starke Kapitalismuskritik. Generell ist das glaub ich wirklich die beste Racheaktion, die ich je gelesen/ gesehen habe, schon allein wegen der psychologischen Folter.

Ich finde den Titel des Stücks einerseits irgendwie genial gewählt, weil man so was ganz anderes erwartet, wenn man wie ich vorher nichts über das Stück weiß, aber irgendwie auch ein bisschen kontraproduktiv, weil es so langweilig klingt. Ich frag mich schon ein bisschen, wieso Dürrenmatt ausgerechnet diesen Titel gewählt hat.

Spannend finde ich auch diese Gruppenmentalität, dass die meisten sich moralisch damit arrangieren können, sich an Ills Tod zu bereichern, solange sie nicht diejenigen sind, die den Mord begehen. Eine menschliche Schwäche, die man in der Realität immer wieder beobachten kann, besonders, wenn es den Menschen selber schlecht geht.

Ich hab auf jeden Fall Lust bekommen auch einen Roman von Dürrenmatt zu lesen, besonders die psychologischen Feinheiten seiner Erzählungen kommen in Romanform bestimmt noch besser zu Geltung.

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Ich bin sofort dabei, vielleicht bekommen wir ja noch eine Leserunde zusammen! Ich krame hier mal meinen Text aus dem Dürrenmatt-Titelsuche-Thread hervor, wo ich

Prosa:

  • Das Versprechen

  • Der Verdacht

  • Der Richter und sein Henker

vorgeschlagen hatte.

Ich habe mir heuer vorgenommen, alle fünf Kriminalromane von Dürrenmatt nochmals zu lesen (neben den oben genannten sind das noch „Der Pensionierte“ und „Justiz“) und freue mich, wenn sich jemand für eines oder mehrere anschließen möchte. Inhaltlich sind sie alle einzeln lesbar, aber „Der Verdacht“ setzt die Entwicklung von Kommissar Bärlach aus „Der Richter und sein Henker“ fort. Die anderen drei Romane haben andere Protas (wobei der Kommissar aus dem Fragment „Der Pensionierte“ Bärlach aber sehr ähnlich ist, jedoch anders heißt).

Ich bin aber auch für jeden anderen Roman von ihm offen!

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Es klingt, als sollte man mit „Der Richter und sein Henker“ anfangen?

Ich wäre neugierig auf einen weiteren Dürrenmatt und gerne dabei - habe aktuell aber einige Rezensionsbücher&Leserunden, die vorher gelesen werden sollten (darüber möchte ich mich aber nicht beschweren, meine Losfee hatte ein tolles Händchen :face_with_hand_over_mouth:). Würde euch gemeinsames Lesen gegen Ende April z.B. ab 20.4./27.4. passen?

Ich bin auch gerade unter einem Rezi-Sub begraben, mir käme eine terminliche Entzerrung ebenfalls entgegen. Zumal ich bis Ende April auch bei der LR zu “Die Wand” dabei bin.

Es muss nicht notwendig Der Richter und sein Henker als erstes sein, Der Verdacht hat zwar denselben Kommissar, ist inhaltlich aber eigenständig. Er spielt zeitlich etwas später. Beide sind bei Diogenes auch in einem Doppelband enthalten (10 EUR kostet Der Richter und sein Henker, 12 EUR beide zusammen).

Das Versprechen ist komplett unabhängig davon (anderer Kommissar).

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Wegen unserer aktuellen Terminfülle musste ich erst einmal eine Klassikerpause einlegen und habe den Besuch der alten Dame erst zu Ende lesen können als ihr alle schon kommentiert hattet. Aber ich konnte mich fast allen Kommentaren anschließen.

Ich würde mich gerne wieder an einer Klassikerrunde mit Dürrenmatt beteiligen, wenn wir mit unserem Umzug einigermaßen durch sind. Ab September hoffe ich wieder dabei sein zu können. Ich schau dann mal, was bei euch dann gerade im Angebot ist.

Bis dahin liebe Grüße Gudrun

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