Klassiker-Leserunde: Der Besuch der alten Dame (Dürrenmatt)

Aber das Tragische, das du beschreibst tritt erst im 2. Akt ein, den ersten empfinde ich deutlich als grotesk und witzig, erst der zweite wird grotesk und tragisch.

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Stimmt! Da gebe ich dir Recht, dass der erste Akt doch etwas humoristisches hat. Das wandelt sich dann erst im Verlauf des Stücks.

Das denke ich auch. Sie hat ja durch ihn sehr gelitten - die Vaterschaft nicht anerkennen (und sogar Zeugen bestechen, um damit durchzukommen), sie dadurch in die Prostitution zwingen, ihr nach dem Tod des Kindes nicht beistehen, das sind doch große Wunden in der Seele. Das zeigt sich ja auch daran, wie sie die damals bestochenen Zeugen verfolgte und bestrafte.

Zudem hat er die Krämerin geheiratet und kam dadurch zu Geld, was von Gier zeugt, während sie mittellos und alleine sehen konnte, wie sie zurechtkam. Das ist doch ein starkes Motiv, sein Handeln, durch die Gier anderer bestrafen zu lassen.

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Was sagt ihr zu den Charakteren von Koby und Loby? Sollten die beiden als witzig gelten und es ist ein Humor aus einer anderen Zeit, den ich heutzutage einfach nicht verstehen kann? Fand das mit den beiden wirklich furchtbar…

(Mensch. Ich wollte mich doch noch etwas zurück halten bis nächste Woche. Läuft wieder super hier mit mir :sweat_smile:)

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Für mich sind sie ja nur wegen ihrer Bestrafung für ihren Anteil am Unrecht gegenüber Claire keine Männer mehr. Ich denke, sie wandeln als lebende Mahnung herum, durch das Unrecht miteinander verbunden, keine Männer mehr, auch keine Individuen mehr, sie sprechen für zwei aber als einer, daher die Dopplung derselben Worte.

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Sie wurden kastriert und geblendet. Mir ist das in dem Stück zu extrem. Und dann reden sie auch noch “dumm”. Ich habe mich gefragt, ob das damals “witzig" sein sollte. Der Umgang mit Menschen mit (geistigen) Behinderungen war ja damals ein anderer.

So oder so. Mir war das zu viel des Guten.

Ich glaube es sollte gar nicht unbedingt witzig sein sondern einfach extrem und auf die Spitze getrieben. Es ist ja groteskes Theater und ich glaube in der Zeit ist es vllt auch noch das groteskesrw oder schlimmste was du einen Mann antun kannst, ihn zu “Unterjochen und seiner Männlichkeit zu berauben”

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Ill sagt: „Die Stadt bereitet sich auf das Fest meiner Ermordung vor und ich krepiere vor Entsetzen.“
Das finde ich wirklich tragisch, ich frage mich nur warum er nicht den Zug genommen hat und weggefahren ist.

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Echt mal! Problem gelöst. :joy::joy::joy:

Mir geht es wie Dir, ich empfinde es auch eher als tragisch. Natürlich hat es komische Elemente, v.a. im ersten Akt, zB wenn die blinden Eunuchen Koby und Loby auf die Bühne kommen oder die Rede vom Bürgermeister, als er den Vater als Architekten des Bahnhofsklohäuschens würdigt.

Ich liebe es einfach, wie Dürrenmatt seine Figuren ins Extreme treibt. Allein schon Moby, Boby, Loby, Toby, Koby und Roby - wie sich Claire für ihr Rache die Männer zusammensucht, sich den Richter von damals kauft, die Zeugen kastriert und blendet, die Verbrecher aus dem Gefängnis holt und strategisch heiratet - und dann allen ähnliche, lächerliche und völlig austauschbare Namen gibt - so werden sie zu kleinen Schoßhündchen, die perfekt abgerichtet sind.

Die gelben Schuhe habe ich als Zeichen der Extravaganz gedeutet - man gönnt sich was Besonderes, nicht einfach schwarze oder braune Schuhe.

Interessant fand ich auch, dass die Güllener immer noch voreilig Mädchen verurteilen; ich finde, das sieht man bei Luise. In den Regieanweisungen heißt es, “Über die Bühne rast ein fast halbnacktes Mädchen, Toby hinterher”. Eine Frau sagt daraufhin: “Ein Skandal, wie’s die Luise treibt:”, obwohl gar nicht klar ist, ob die Luise nicht vielleicht vor einer drohenden Vergewaltigung durch Toby (einer der Schwerverbrecher) flieht. Da kann man sich ja ausmalen, wie es Claire damals ergig und wie die Güllener über sie gesprochen haben müssen, als sie schwanger war.

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Ich habe heute entdeckt, dass die Farbe gelb, neben Neid und Eifersucht, auch die Farbe des Verrats ist. Das würde natürlich gut passen.

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Super spannend!

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Oh Mist, ich hab diese Leserunde total verschwitzt… :see_no_evil_monkey: Jetzt werde ich es nicht mehr schaffen, einzusteigen. Ich werde aber weiter mitlesen, habe das Buch vor Ewigkeiten in der Schule gelesen.

Das ging mir ähnlich, total vergessen das Buch zu besorgen. Habe dann erst noch kurz überlegt (weil es ja wirklich reizvoll ist) aber es ist gerade eine extrem stressige Zeit und ich habe mich dann bewusst dagegen entschieden.

Jetzt hoffe ich darauf dass nochmal eine interessante Leserunde kommen wird

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Bin spät dran, weil ich eine fiese Erkältung habe, aber langsam wirds besser und die Leselust ist auch wieder gekommen.

Ich bin überrascht über den Inhalt. Ich wusste bisher nichts über die Geschichte. Dass jemand ermordet werden soll für den Aufbau des Dorfes, finde ich krass, aber ein echt interessantes Thema. Dieses typische Dilemma: Darf einer Person geschadet werden, damit es vielen anderen besser geht? Die Abstimmung wurde nur am Rande erwähnt, aber anscheinend zieht niemand auch nur annähernd in Betracht Ill für die Dorfgemeinschaft zu opfern. Scheint er ganz im Gegenteil ja der beliebteste Bürger zu sein. Wobei Ill mittlerweile wahrnimmt, dass sich jeder etwas Neues und Besseres leistet. Spekulieren die anderen wirklich mit seinem Tod? Aber wenn er der beliebteste Bürger ist, rechnet bzw. wünscht man sich dann echt insgeheim seinen Tod, dass iiirgendjemand schon den Schritt gehen wird? Ill ist besorgt, aber jede Person widerspricht ihm. Vermutlich stimmt beides…

Was Claire fordert ist schon hart. Andererseits war Ill damals echt fies!! Er hat sie angeblich so geliebt, erinnert sich jetzt noch gerne an die gemeinsame Zeit und wollte, dass Claire das Kaff verlässt damit es ihr besser geht… aber dann verleugnet man doch nicht das eigene Kind und setzt seiner großen Liebe in einem Gerichtsverfahren so zu. Einfach zwei Idioten zu bezahlen, damit sie auch mit ihr geschlafen hätten. Alleine das damalige Gerede und Ansehen… und dann geht es ihr sowieso nicht besser, weil sie in die Prostitution rutscht. Da hat Ill echt Schlimmes angerichtet! Wobei, mittlerweile ist sie eine sehr wohlhabende Frau, hm.

Den Anfang mit den vier Bürgern finde ich lustig. Wie sie die Züge kennen, aus entfernten Orten hin zu entfernten Zielen und sie sitzen in dem Kaff und sehen nur ein Vorbeirauschen. Die vier erscheinen nur wie Requisiten. Wie passend, dass sie später ein paar Bäume des Waldes spielen :smiley:

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Aber echt! :sweat_smile:
Ich war überrascht, dass er sich schon richtig in diesen Wahn reingesteigert hat, dass die anderen ihn auf jeden Fall umbringen werden und nicht gehen lassen. Als hätte ihn jemand daran gehindert, dabei bricht er auf dem Bahnsteig selbst zusammen. Mittlerweile frag ich mich auch, ob er womöglich Selbstmord begehen wird um dieser Hölle zu entfliehen, die er sich selbst schafft. Oder wirklich jemand der Güllener zur Tat schreitet. Womöglich warten sie heute noch in ihren gelben Schuhen darauf :joy:

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Damals noch gelästert und jetzt, wo Claire reich ist, begrüßen sie sie fröhlich in der alten Heimat. Geld regiert die Welt. Traurig!

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Dass er sich selbst umbringt erwarte ich tatsächlich auch.

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Mein Eindruck war, dass er vor Angst so gelähmt war, dass er keinen Schritt mehr gehen konnte - aus der Befürchtung heraus, dass sie dann „zur Tat“ schreiten würden.

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Ich hatte leider noch einige Bücher zur Rezension, die Vorrang hatten, nun bin ich aber auch mit von der Partie!

Mir hat der erste Abschnitt gut gefallen - ich empfinde die Thematik als zeitlos und die überzeichneten Figuren und die zynische Art finde ich unterhaltsam!

Ill hat Claire übel mitgespielt und doch bin ich gegen Selbstjustiz - wenn Claire doch nun alle Beweise hätte, um Ill zu überführen, wieso geht sie nicht den Rechtsweg? Er hat den Staatsanwalt belogen (Falschaussage) und Zeugen bestochen - reicht ihr das nicht oder waren die Gesetze damals noch nicht verankert?

Ich bin sehr neugierig, wie die Geschichte enden wird und könnte mir wie ihr vorstellen, dass Ill sich vor Angst suizidieren wird. Wird Claire aber in dem Fall dann noch die Milliarde zahlen? Oder doch plötzlich Reue zeigen? Oder zahlt sie sie und der Pfänder wird das Geld direkt einstreichen?

Apropo Pfänder - Unangenehm empfand ich allerdings zu Beginn im ersten Akt die Ausreden der Bürger gegenüber dem Pfänder. Klassisch antisemitische und vorurteilbehaftete Aussagen wie „von den Juden gesponnen“. Und das noch nach dem 2. Weltkrieg. Da wird einem ganz anders :see_no_evil_monkey: