Ich habe das Buch gerade beendet und bin froh, hier eine kleine Diskussion dazu zu finden. Ich verstehe eure kritischen Punkte und auch ich würde dem Buch nicht das Label „feministisch“ verpassen. Das weckt eine falsche Erwartungshaltung. Ich würde eher Beschreibungen wie spekulativ oder philosophisch verwenden.
Ich persönlich fand die Geschichte ganz grandios. Da bin ich wohl weniger analytisch als andere Im Vordergrund beim Lesen stand für mich weniger der Plot oder damit einhergehende Logiklücken, sondern die Gefühle und Gedanken. Ich merke auch gerade beim Schreiben, wie emotionsgeladen ich noch bin. Diese Beklemmung, die Verzweiflung und dann diese konstante Spannung, ob sie nicht doch noch Antworten findet. Als furchtbar neugieriger Mensch hätte ich mich sooo über ein paar mehr Brotkrumen gefreut, aber ich verstehe schon, warum die Autorin darauf verzichtet hat.
Zum Thema Männer habe ich es weniger so aufgefasst, dass die älteren Frauen explizit wegen dem Fehlen von Männern ihr Leben nicht lebenswert fanden, sondern dass Männer hier mehr als Metapher dienen. Für ihr früheres Leben, für Sinnhaftigkeit, für Wissen. Alles, was ihnen in der Gegenwart verwehrt bleibt. Als Leser ist diese Hoffnungslosigkeit natürlich frustrierend, aber ich habe diese Gefühle als sehr realistisch empfunden.
Ich habe allgemein große Parallelen zu den immerwährenden Fragen unserer Lebensrealität gezogen: Warum existieren wir? Was kommt nach dem Tod? Was ist das Universum? Gibt es dort draußen andere? Was ist der Sinn des Lebens? Und so wie die Protagonistin werden wohl auch wir sterben, ohne je eine Antwort auf unsere Fragen zu erhalten. Höchst unzufriedenstellen, aber clever gemacht von der Autorin
So, bevor ich mich komplett im Grübeln verliere, mache ich hier einen Punkt und sage gute Nacht
Die eigenen Gedanken fand ich auch am faszinierendsten. Bei mir war das die Einfühlung in Gefängnissituation und erzwungene Untätigkeit. Angesichts von Übergangs- oder Abschiebelagern der Gegenwart finde ich das Thema hochaktuell.
Ich bin ein bisschen spät hier, aber hab das Buch heute erst beendet und hab mich sehr gefreut, eure Diskussion lesen zu können.
Mir hat es tatsächlich sehr gut gefallen, aber es ärgert mich richtig, dass es als feministisch beworben wird, da ich es auch mit dieser Erwartung gelesen habe und in dem Aspekt auch ratlos war, wieso es mit “Der Report der Magd” z.B. verglichen wird. Ich sehe es weder als besonders feministisch noch anti-feministisch, sondern einfach darüber, was uns als Mensch ausmacht bzw. was der Sinn des Lebens ist, also existenziell, psychologisch und philosophisch. Wenn es so beworben wäre, also als dystopischer Sci-fi Roman, hätte ich das Lesen noch viel mehr genossen.
Ich finde es zwar auch unbefriedigend, dass eigentlich keine Frage beantwortet wird, aber das macht das Buch für mich auch genial, weil es nicht darum geht, sondern um die Sinnlosigkeit der Existenz und was wir daraus machen.
Genau das habe ich auch gedacht. Insofern ist es ein bisschen nihilistisch und man kann wie “die Frauen” auf den Tod warten oder wie “die Kleine” das Beste draus machen.
Für mich macht es von der Logik her, was Strom usw. betrifft, am meisten Sinn, wenn sie sich in einer Art Simulation oder Experiment befinden. Aber wie gesagt, ich denke, dass es absichtlich alles keinen Sinn ergeben soll, denn darum geht es nicht.
Ich möchte auch kurz meine Gedanken teilen. Ich finde, es bleibt irgendwie hinter den Erwartungen zurück. Nicht falsch verstehen, nur ich hatte gehofft, die Protagonistin entwickelt sich weiter und lässt mich nicht mit offenen, unrealistischen Fragen zurück. Wisst ihr, was ich meine? Das sie vielleicht erkennt, dass es auch andere Männer gibt. Oder das sie eine Familie findet. Glück. Eine Aufgabe. Das fehlt mir.
Ich hatte mich auch recht früh gewundert, wieso die Erzählerin kein Kaspar-Hauser-Syndrom entwickelt hat sondern so schlau ist. Mir sind unlogische Dinge teilweise an anderen Stellen aufgefallen als dir, aber mit deinen genannten werden es ganz schön viele.
Immerhin hast du Werther quergelesen, die heutigen Schüler lesen oft nur eine Zusammenfassung und/oder das, was andere über das Buch schreiben. Im Internet findet man ja alles. Oft reicht aber - wie schon früher - das Befragen derer, die es gelesen haben. Natürlich nicht fürs Abitur.
Von daher ist es teils schon sinnvoll, jeden sein Buch auswählen und lesen zu lassen und dann die Aufgaben so zu stellen, dass sie nur sinnvoll gelöst werden können, wenn man das Buch wirklich gelesen hat. Aber nicht bis in die Oberstufe.
Und für länderübergreifende Abituraufgaben fallen mir sofort so einige ein, die eben nicht das zwingende Lesen derselben Lektüren voraussetzen. In den Fremdsprachen gibt es die in Kurzform schon immer.
Ich denke, am besten wird das Analysieren literarischer Werke anhand von verschiedenen Texten erlernt, die Klassenlektüre sollte vom Lehrer nach Zusammensetzung seiner Klasse erfolgen, zudem wurd kein Lehrer ein Buch wirklich gut vermitteln können, mit dem er selber nichts anfangen kann.
Danke, ja ich bin auch dabei! Konnte leider erst heute beginnen (habe zuvor noch den Rest vom alten HB gehört). Soo schnell kann ich leider nicht hören; ich höre nur im Auto und hatte heute nur 10 Minuten
Diese Woche habe ich in der Zeitung gelesen, dass in Berlin Goethe, Schiller etc. an Gymnasien teils nicht mehr im Original, sondern in vereinfachter Sprache gelesen werden. Ich dachte, ich falle vom Glauben ab, erst recht, als der Autor des Artikels meinte, dass er das auch bei uns in Bayern sinnvoll fände. Meiner Meinung nach wäre das fatal. Zum Glück stellt sich bisher das Kultusministerium quer. Die Sprache ist doch gerade das, was die Besonderheit der Hochliteratur ausmacht, und wer nicht in der Lage ist, diese Klassiker zu verstehen, hat mE am Gymnasium auch nichts verloren. Natürlich interessiert einen nicht jede Lektüre gleichermaßen (siehe Werther bei mir), und manches schätzt man erst in der Rückschau. Leider gerät das humanistische Bildungsideal immer weiter ins Hintertreffen und es zählt nur noch der reine Nutzwert, das leidige “Und wozu brauche ich das?”. Dabei ist gerade in Zeiten von KI geistige Reife, Persönlichkeitsentwicklung und ganzheitliche Bildung so wichtig…
Ich habe mich z.B. gefragt, woher sie plötzlich über verschiedene literarische Werke bescheid weiß, die sie vorher nie gefunden hat. Auch, dass sie die Bücher der Toten aus dem Bus alle liest, obwohl doch jeder das Gleiche hatte.
Nun ja, nachdem in jeden Unterricht immer mehr anderes reingepackt wird, muss eben auch manch Wünschenswertes weichen. Wobei ich da veraltete Sprache nicht als das Schlimmste ansehe, wenn dann wenigstens genug Zeit wäre, die aktuelle korrekte Sprache ordentlich zu lernen. Wenn man die alte Sprache früherer Literatur voraussetzt, diskriminiert man nur unnötig hochintelligente Nicht-Muttersprachler, von denen es auch im Gymnasium immer mehr gibt.
Ich dachte, dass sie in dem großen, möblierten Bunker, wo sie am Ende alleine ist, die ganzen Bücher gefunden hat. Da waren doch auch Papier und Stifte, womit sie ihre Geschichte aufschreibt. Ich meine, dass das am Ende erklärt wurde.
Das ist mE der falsche Ansatz. Der Fokus sollte in Deutschland schon mit einem gewissen Selbstbewusstsein auf der deutschen Sprache liegen, und ich empfinde die Sprache von Goethe und Lessing nicht als stark veraltet, sondern vor allem als wunderschön und gehoben. Wir reden hier ja vom 18./19. Jahrhundert und nicht von Mittelhochdeutsch. Allein schon wegen der Versmaße und Rhythmen ist das lesenwert. In England wird auch niemand Shakespeare aus dem Stundenplan streichen oder in Frankreich Molière oder Voltaire, nur weil vielleicht Nicht-Muttersprachler Schwierigkeiten haben könnten.
Aber genau dafür, die Freude an dieser schönen Sprache zu wecken, fehlte schon zu meiner Schulzeit im Unterricht die Zeit. Ich rede hier nicht von der abnehmenden Zahl von Schülern, die schon von Haus aus Freude an Sprache hatten/haben. Und bei den gekürzten Stundentafeln mit stetig wachsendem Inhalt, reicht die Zeit erst recht nicht mehr aus. Zudem entstehen durch alle möglichen Faktoren immer mehr Defizite, die alle die Schule auffangen soll, wodurch pro Fach noch weniger Zeit übrig bleibt.
Ich habe mich z. B. gefragt, wie ich das Buch in den 1990ern aufgenommen hätte und warum ich damals noch kein Interesse an Dystopien hatte. Eine D. konnte ja lange nur einen Jahreslauf dauern, weil die Überlebenden irgendeiner Katastrophe in dieser Frist Wasser, Nahrung, Wärme und psychische Stabilität schaffen mussten. Nicht nur die Konserven ihrer Vorgängerinnen verbrauchen. Diese Simulation hat diverse Denkfehler (allein Mangelernährung, mangelnde Haltbarkeit von Konserven und das fehlende Wissen darüber) - könnten evtl. diese Fehler das Thema sein? Dass tatsächlich noch keine sinnvollen Überlebens-Theorien geschaffen worden sind, weil es zu viele Variablen gibt? Ich erinnere mich an Luftschloss-Diskussionen in den 90ern, in denen ich dachte: mit Teilnehmern, die noch keinen Tag ohne Wasch- und Spülmaschine gelebt haben, kann man das Projekt doch sowieso vergessen. Waren die Frauen im Roman diese Teilnehmerinnen - und ist das allein das Thema?