Schlechte Vorbilder in Kinderbüchern

Ab und zu fallen mir in Kinderbüchern Sachen auf, wo ich denke, das Verhalten ist so fragwürdig, dass ich das Buch meinen Kindern gar nicht geben will.

Doch wenn ich mir die Rezis anschaue, bin ich oft die einzige, die unglücklich bin, und frage mich, ob ich einfach zu empfindlich bin?

Der letzte Beispiel: ich habe die Unendliche Klassenfahrt mit meinem Kind gelesen, da ich das Cover so schön finde. Ich war aber absolut erschrocken, wie viele schlechte Vorbilder im Buch sind. Und die Bewertungen scheinen durchgehend positiv zu sein.

  1. Gerade vor dem Abfahrt bekommt ein Kind ein Handy von seinem Vater, obwohl Handys verboten sind. Okay, der Vater macht sich Sorgen, aber die ganze Dynamik zwischen diesem Vater und dem Lehrer finde ich problematisch, und ein Kind gegen seinen Lehrer zu instrumentalisieren ist in einem Kinderbuch völlig unpassend.

  2. Die Kinder landen im Mittelalter. Auf einem Markt „kauft“ ein Kind 20 Ketten für einen in goldene Folie verpackte Müsliriegel, weil die Verkäuferin denkt, dass sie ein Stück echtes Gold bekommt. „Ein echtes Schnäppchen!“ sagt ein anderes Kind. Etwas später bezichtigt die Verkäuferin die Kinder, sie betrogen zu haben, wobei die Antwort des Kindes heißt „ich habe nie gesagt, dass es echtes Gold war“. Dafür wird der Lehrer zwar festgenommen, aber für die Verkäuferin gibt es keine Wiedergutmachung. Ich habe mit meinem Kind lange darüber reden müssen, weil er nicht verstanden hatte, dass ein solches Verhalten falsch ist. Dieser Handlungsstrang ist darüber hinaus überhaupt nicht notwendig für die Geschichte und hinterlässt nur ein schlechtes Nachgeschmack. Auch die Verhaftung des Lehrers finde ich problematisch: Tut ein Kind was Falsches, wird ein Erwachsene dafür bestraft.

  3. Der Lehrer wird von seinen eigenen Schülern (die auf dem Burg als Wächter „arbeiten“) festgenommen, mit einem „Tut uns Leid, ist halt unser Job.“ Als Erwachsene bekomme ich von so einer Aussage ein recht komisches Gefühl.

  4. Während der Nachtruhe schleichen sich Kinder aus ihrem Zimmer heraus, um einen Gegenstand zu klauen. Sie stehen vor einer verschlossenen Tür, aber zum Glück hatte ein Kind früher an dem Tag schon den Schlüssel geklaut. An der Stelle war mein Kind so gestört, dass es nicht weiterlesen wollte, bis ich festgestellt hatte, dass die Kinder den Gegenstand doch nicht stehlen konnten.

  5. Die Kinder gewinnen in einem Turnier, nachdem sie einen Tipp vom Schlossgespenst bekommen haben (also praktisch geschummelt). Sie verlangen vom Burgherrn den Hauptgewinn UND den Lehrer, „sonst nehmen wir Sie (den Burgherr, der verloren hatte) fest!“

Ich finde diese Punkte ziemlich problematisch, aber bin wohl die einzige, die davon gestört bin… ich bin gespannt, eure Meinung dazu zu hören.

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Ich kenne dieses Buch nicht und kann daher nicht sagen, wie ich den Text empfunden hätte. So, wie Du Deine Kritikpunkte auflistest, würden mich diese jedoch ebenso stören.

Punkt 1 kommt in der Realität sicher oft vor. Unser Sohn hat zB sein Handy auch im „Bitte-nicht-stören“-Modus im Schulranzen (d.h. nur Anrufe von mir oder dem Papa kämen durch, falls ein Notfall passiert), obwohl das nicht erlaubt ist und das Handy vor jeder Unterrichtsstunde dem Lehrer gegeben und am Ende der Stunde wieder abgeholt werden müsste. Das sehen wir nicht ein, weil er das dann sicher mehrmals pro Woche irgendwo vergessen würde. Aber er nimmt es niemals raus und hat es nur für Notfälle dabei und damit wir ihn auf dem Schulweg tracken können. Ob man es in einem Buch thematisieren muss, ist die andere Sache. Es untergräbt natürlich die Autorität des Lehrers.

Punkt 2: Wenn das Kind zum Zeitpunkt des Kaufes wusste, dass die Frau dachte, es wäre echtes Gold, ist es in meinen Augen Betrug.

Punkt 3: Da bekomme ich auch Bauchschmerzen. Willkürliche Festnahmen und blinder Gehorsam - da denke ich gleich an die ganz dunklen Kapitel unserer Geschichte.

Punkt 4 und 5: versuchter Diebstahl, Diebstahl und Erpressung - alles andere als vorbildlich.

Ich habe bis auf „Sturm überm Winkelhaus“ (Mutter unter Kannibalismus-Verdacht, Kind hat Angst, gegessen zu werden, vermutlich wurde das Haustier von der Mutter den Kindern zum Mittagessen vorgesetzt) noch kein modernes Kinderbuch gelesen, bei dem ich den Eindruck hatte, dass sehr fragwürdige Botschaften transportiert wurden.

Generell habe ich aber auch den Eindruck, dass sich einige Rezensent:innen bei Kinderbüchern weniger kritisch mit dem Inhalt auseinandersetzen als bei Erwachsenenbüchern und schnell mal 5 Sterne geben. Vor allem dann, wenn das Buch nicht mit einem Kind zusammen gelesen wurde (Das gilt natürlich nicht pauschal, bevor hier jetzt ein Shitstom losbricht). Die Ansprüche an Kinderbücher scheinen mir oft sehr gering seitens einiger Erwachsener, nach dem Motto „Ist ja nur für Kinder“. Dabei sind Kinder sehr wohl in der Lage, auch Bücher mit einem gewissen Anspruch zu verstehen (inhaltlich und sprachlich), wenn es entsprechend altersgerecht aufbereitet ist.

Umso wichtiger, dass Du in Deiner Rezi auf die Punkte eingehst, die Dich stören oder Dein Kind verstört haben.

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@bibibabby
Generell dienen Kinderromane ja dazu, dass Kinder durch die Figuren indirekt Abenteuer erleben, die sie danach dann nicht mehr selbst wagen müssen, weil die Kinderbuchhelden das schon stellvertretend getan haben. Dazu gehört aber auch, dass kriminelles oder unkameradschaftliches Verhalten im Buch kritisiert oder sanktioniert wird. Beim Handy z. B., das Kind wird erwischt und die Klasse diskutiert über Konsequnzen. Diese Rache- und Gewaltphantasien finde ich völlig deplatziert, weil ja gerade Kinderliteratur anregen soll, Probleme gemeinsam ohne Hilfe Erwachsener zu lösen, z. B. indem Kinder sich Hilfe einer Vertrauensperson suchen. Meinen Sohn hätte alles sehr befremdet, was du zitierst, das Fremdschämen für die Figuren hätte ihm phantastische Literatur, die ihn ohnehin weniger interessierte als Sachbücher, stark verleidet.

@simonef Ich teile deine Ansicht, dass Kinderbuchrezensionen oft wenig hilfreich sind, vor allem wenn man bedenkt, dass sie dazu dienen sollten, Erwachsenen die Auswahl von Geschenken für Kinder zu erleichtern. Ich hatte hier schon mal das Beispiel gebracht von einem Kinderbuch, das bei Vorablesen verlost wurde, in dem nur 2 Rezensenten Kritik übten und aus den restlichen 48 einige berichteten, sie hätten sich allein auf das Urteil anderer in einer Leserunde verlassen.

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Ich kenne von dem Buch nur die Leseprobe, das mit dem Handy kam da ja schon vor und fand ich auch nicht in Ordnung.
Bei einem anderem Buch kam auch mal Diebstahl vor und wurde als völlig normal betrachtet, das ich es nicht gut fand, hatte ich damals auch in die Rezi geschrieben.

Ich kenne das Buch nicht, habe mich aber dafür beworben, weil ich das Cover lustig fand. Auch die Leseprobe fand ich soweit lustig, aber für mich hat es da schon begonnen zu ecken: Ein Lehrer, der zu spät kommt, der klapprige Bus, mit dem ich meine Kinder auch nicht gerne fahren lassen würde… Ich denke, wenn man die Geschichte als Fiktion betrachtet, kann sie vielleicht sogar humorvoll sein, aber so wie Du scheibst, meine ich, dass hier erheblicher Redebedarf besteht.

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Ich habe das Buch auch gelesen und es waren so viele Dinge darin, die im wirklichen Leben nicht so passieren würden, dass ich da schon beide Augen zudrücke. Es ist reine Fiktion und kein Lehrbuch. Mir hat es gefallen, auch wenn ich weiß, dass weder die Kinder noch die Erwachsenen im realen Leben so reagiert hätten. Meinen Kindern war das auch klar und sie hätten nie so gehandelt. Auf eine unendliche Klassenfahrt zu fahren wäre ja sicher auch der Albtraum jeder Eltern und den meisten Schülern sicherlich auch, denn irgendwann kommt ganz groß das Heimweh. Jeder der den Titel liest wird sicherlich auch wissen, dass es kein pädagogisch korrektes Buch ist. Daher sehe ich das nicht so eng. Aber ich gebe Euch auch Recht, das müsste eigentlich in einer Rezension erwähnt werden. Habe ich leider auch versäumt, aber ich werde das in Zukunft berücksichtigen.

Viel schlimmer finde ich Bücher, wo mit Vorurteilen nur so um sich geschmissen wird. Ich lese immer wieder Kinder- und auch Jugendbücher, wo ein Kind bei Pflegeeltern wohnt und die machen das ganze nur aus Geldgründen und behandeln das Kind schlecht. Ich habe extrem selten mal Bücher, wo Stiefeltern oder Pflegeeltern freundlich und liebenswert sind. Meist sind es die bösen. Meine Kinder dachten früher immer, dass eine Stiefmutter eine ganz böse Frau ist und das Pflegeeltern egoistisch und gemein sind. Das finde ich viel bedenklicher.

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Figuren von Pflegeeltern und Sozialpädagog:innen im Kinderbuch finde ich auch extrem wichtig. Bisher habe ich mich stets geärgert, wenn die Personen als exzentrisch oder unfähig herausgestellt wurden. Bis mir eine Bekannte, die in dem Bereich arbeitet, sagte: aber in den großen aufsehenerregenden Missbrauchs- und Vernachlässigungsfällen waren doch die Zuständigen inkompetent. Da hat das Jugendamt nicht reagiert und alle haben weggesehen. Vielleicht muss man im Plot einen Plan B zeigen, was können Kinder noch tun, selbst nachdem sie schon erlebt haben, dass sie keine Hilfe bekommen.

Ja, das wäre toll, wenn Wege aufgezeigt werden, was Kinder tun könnten, wenn sie an so jemanden geraten. Aber es wäre auch mal toll die Vorurteile abzubauen, denn nicht alle Stief-/Pflegeeltern sind schlecht.

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Oh ja, etwas ähnliches hat mich bei „Maggie Blue“ gestört: Maggie wird von ihren Eltern nach der Trennung einfach zur Tante abgeschoben. Die ist zwar nicht böse zu ihr, kümmert sich aber so gut wie nicht. Der Vater hat eine neue Freundin (offenbar der Trennungsgrund) und die Mutter ist aufgrund schwerer Depressionen in der Psychiatrie. Der Vater meldet sich überhaupt nicht mehr, und mit der Mutter gibt es einmal pro Woche ein (von beiden Seiten) eher angespanntes und gereiztes Pflichttelefonat. Diese Konstellation stört mich etwas, da sich in den allermeisten Fällen die Eltern auch nach einer Trennung liebevoll um ihr Kind kümmern, und auch ein Elternteil, der aufgrund psychischer Probleme behandelt wird, dennoch weiterhin sein Kind liebt und Anteil an dessen Leben nehmen möchte. Hier frage ich mich, wie Kinder auf das Buch reagieren, die sich möglichweise selbst in einer schwierigen Familienphase befinden.

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Nach der Leseprobe von Whisperwicks ist mir aufgefallen, dass so viele Jugendbücher mit dem „Kind ist besonders“-Trope einfach Grooming-Verhalten normalisieren.

In Whisperwicks entdeckt ein Junge einen Riss, durch welchen eine Stimme ihn ermutigt, bestimmte Sachen zu tun.

Die übliche Elemente sind da:

  • fremde Person, der dem Kind das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein
  • ein Kind mit schwachen Familienbeziehungen
  • ein Kind, der etwas unternimmt, ohne irgendjemand Bescheid zu geben bzw Sachen vor seiner Familie verheimlicht

In diesem Fall wird der Junge praktisch entführt, aber in den meisten Büchern ist das der Beginn eines tolles Abenteuers.

Die Erkenntnis war ernüchternd.

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Whisperwicks kenne ich nicht, da mein Sohn und ich momentan Geschichten in der realen Welt Fantasy vorziehen. Um die Situation beurteilen zu können, müsste man wissen, wie die Geschichte ausgeht.

Grundsätzlich sehe ich das schon etwas lockerer - wenn Abenteuerbücher nur noch ganz pädagogisch wertvolles Verhalten zeigen würden, wären sie einfach furchtbar langweilig. Dass ein Protagonist einer geheimnisvollen Stimme/Nachricht/Person folgt, kommt häufig vor, erzeugt natürlich Spannung. Kinder müssen irgendwann lernen, zwischen Fantasie und Realität zu unterscheiden, und mit 11 (Altersempfehlung Whisperwicks) sollte man dazu schon in der Lage sein bzw. wird es Zeit, das zu lernen.

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Ich denke, dass hier das System krankt. Diejenigen, die wirklich Misshandlungen usw. bemerken müssten, wären wohl Pädagogen/ Pädagoginnen. Was macht die Schule dann- die ja keine Kapazitäten hat (oder auch der Kindergarten) , es verständigt das Jugendamt und dort hat man Probleme, z.B. mit Straftätern, die noch nicht strafmündig sind. In Österreich versucht man jetzt, diese Kinder - auf Basis der Freiwilligkeit - mit einem Buddy auszustatten, den Eltern drohen Strafen bis zur Kindesabnahme. Doch wir wissen auch, wie schwierig das ist- Heimunterbringung ist oft nicht sinnvoll, da die Jugendlichen verschwinden. Pflegefamilien sind für Kinder und Jugendliche daher extrem wichtig und man sollte vielleicht erwägen, ihre Rechte auszuweiten. Außerdem kann ich leider aus meiner Erfahrung beim Jugendgericht sagen und so bitter es klingt: Bei manchen 15jährigen ist bereits alles verloren.

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