Nr. 560: Über welches Thema würdet ihr gerne ein Buch lesen, habt aber bisher noch nicht das passende gefunden?

Es geht mir eher darum, dass die Ärztinnen und Fürsorgerinnen der 1930er bis 1960er zwar klug und pflichtbewusst waren und sich eine Familie wünschten, dass sie sich aber sehr gewundert hätten, wenn jemand sich „eine Auszeit“ gewünscht hätte oder wegen eines kranken Kindes zuhause bleiben durfte. Das sind moderne Einstellungen/Erwartungen, die sich niemand herausgenommen hätte, die aber Romanfiguren in den Mund gelegt werden.

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Oh, da habe ich dich missverstanden, sorry! Obwohl mir immer noch nicht ganz klar ist, was genau du meinst - dass die Frauen früher, mangels Möglichkeiten, belastbarer waren bzw. sein mussten?
Das kann ich nur bestätigen, zwei meiner Großtanten hatten Nachwirkungen einer Polioerkrankung bzw. später Post-Polio und haben ganz „normal“ gelebt, sich um die Kinder und den Haushalt gekümmert, und gearbeitet.
Aber sorry, falls ich dich immer noch falsch verstanden habe!!!
Die Frauen damals wirken auf mich in mancher Hinsicht moderner, weil ihre Unabhängigkeit oft stärker aus Eigeninitiative und Pragmatismus entstand. Sie haben schwierige Situationen oft einfach angenommen, getragen und sind ihren Weg weitergegangen, ohne viel Unterstützung von außen.
Heute zeigt sich die moderne Frau oft anders: Sie kennen ihre Rechte und die Hilfsangebote, die ihnen zustehen. Das stärkt sie auf eine neue Weise, was gut ist, aber es führt auch dazu, dass Unabhängigkeit weniger aus „Ich mache aus Zitronen eben Limonade" und mehr aus „Ich nutze die Strukturen, die mir zustehen“ besteht, und diese Strukturen werden ja immer wackeliger …

Ich habe es so verstanden, dass das Mindset anders war. Work-Life-Balance, Kindkrank-Tage, Selbstverwirklichung, Me-Time, fair aufgeteilte Carearbeit, Verständnis für alternative Lebensmodelle etc. waren - nicht nur begrifflich, sondern schon rein von der Idee her - in der Kriegs-/ersten Nachkriegsgeneration bei der großen Mehrheit einfach gar nicht im Denken vorhanden. Wenn diese Konzepte nun von modernen Autorinnen und Autoren diesen Figuren in den Mund gelegt werden, wirkt das nicht authentisch. Natürlich gab es auch früher schon Vorreiterinnen, aber das waren eben die Ausnahmen.

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Nein, ich denke überhaupt nicht personenbezogen, sondern dass die Einstellungen generell anders waren. Die Leute warteten beim Arzt im Wartezimmer wenn nötig bis 19.00Uhr, bis sie dran waren, Arzt und Assistentin arbeiteten, bis alle Patienten versorgt waren. Man arbeitete, weil die Dinge erledigt werden mussten und erzählte stolz, dass man es bewältigt hatte. Es war irrelevant, dass es eine gesetzliche Arbeitszeitregelung gab. Selbst wenn eine Person andere Ansprüche gehabt hat, konnte die an der gesamtgesellschaftlichen Einstellung nichts ändern.

Ein Beispiel, das ich im Roman gelesen habe: Angeblich schloss 1945 eine Kita einige Gruppen wegen Krankheit von Mitarbeiterinnen.

Nein, tat sie in der Realität nicht, sondern die Kolleginnen betreuten entsprechend mehr Kinder, weil die Fabrikarbeiterinnen-Mütter auch arbeiteten, solange Arbeit da war = Überstunden schieben mussten ohne dass ihre privaten Verhältnisse interessierten. Wer in der Kita als Pendlerin auf einen Zug angewiesen war, durfte gehen und die am Abend noch nicht abgeholten Babys wurden zur Not auf der Polizeiwache abgegeben … Und auch diese Frauen sprachen nicht darüber, was sie gern hätten, weil man es - Einfluss des Nationalsozialismus („flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“) einfach nicht tat.

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Das trifft es gut.

Wenn es noch Zitronen gibt, brauche ich mir keine Gedanken zu machen, ob es ökologisch sinnvoll ist, sie anzubauen. Ich bin für die Zusammenhänge (= Lebenssituation von Frauen) nicht zuständig.

Ich verstehe natürlich, dass es unrealistisch wirken kann, wenn Figuren, die vor vielen Jahrzehnten gelebt haben, bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen zeigen.

Gleichzeitig wissen wir nicht, ob es solche Menschen nicht doch gegeben hat, die ihre Eigenheiten ausgelebt und sich damit in ihrem Umfeld durchgesetzt haben. Irgendwo müssen die Entwicklungen und „Annehmlichkeiten“, die wir heute kennen, ja ihren Ursprung haben.

Und gerade in Romanen ist es doch üblich, dass Figuren aus dem Rahmen fallen: Außenseiter:innen, Pionier:innen, Menschen, die anders sind, evtl. so wie wir das heute kennen (und schätzen) oder eben einfach so dargestellt werden, weil Leser:innen genau das spannend finden könnten – auch wenn es historisch nicht authentisch ist. Für mich fällt das unter künstlerische Freiheit.

Aber ich kann total verstehen, wenn dich so etwas stört – mich nerven dafür andere Dinge, die ich unglaubwürdig finde. Wenn ich mit Leuten dann darüber diskutiere, heißt es oft: Hab’ dich doch nicht so, ist halt Fiktion! Jedem Tierchen sein Nicht‑Pläsierchen :wink:

Ich fände das als Freitagsfrage interessant: Welche Unglaubwürdigkeiten oder Logik-Lücken bringen euch in Romanen aus dem Konzept?

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Fiktion soll ja gerade Experimentierfeld sein.

Mir würde es genügen, wenn diese Stolpersteine etwas eleganter formuliert wären. „ich wünsche mir einmal einen freien Tag, an dem ich nicht schon wieder privat als Arbeitskraft eingeplant bin“, anstelle der „Auszeit“.

Natürlich gab es immer schon Ausnahmen, das wird aber im Roman so meist nicht kenntlich gemacht. Man neigt ja leicht dazu, die Lebensrealität in Romanen mit historischem Bezug mit der damaligen Wikrlichkeit gleichzusetzen, insbesondere die junge Generation. Diese hat meist weder die Zeit selbst noch Personen, die damals lebten, wirklich erlebt. Da sehe ich dann tatsächlich eine Gefahr, dass ein falsches historisches Bild in den Köpfen entsteht. Man kann natürlich einwenden, dass ein Roman Fiktion ist und kein Sachbuch. Allerdings werben die Verlage oft ziemlich offensiv mit historischen Bezügen, so dass der Eindruck entsteht, man könnte durch die Lektüre etwas über damals lernen. Gerade bei historischen Romaen wird das dann noch mit “nach einer wahren Begebenheit” auf den Gipfel getrieben, was meist bedeutet, dass um einen minimalen wahren Kern, den man in 3 Zeilen zusammenfassen kann, fast alles fantasievoll ausgeschmückt wurde. Bei den Leser:innen bleibt aber der Roman hängen, der dann für bare Münze genommen wird. Unter anderem deswegen stehe ich den seit Jahren gehypten Pseudobiografien von Marie Benedict, Lynn Cullen etc. sehr ablehnend gegenüber.

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Ich auch. Ich sehe da die unglückselige Kette, dass oberflächlich recherchiert und verallgemeinert wird, Autor:innen das gegenseitig übernehmen und kaum inhaltlich lektoriert wird. Beispiel: der unselige Durchsuchungsbefehl und der Beweismittelbeutel aus Plastik in Krimis oder die Annahme, dass eine offiziell vereinbarte 40 Stunden-Woche bedeutet, dass alle um 16.30Uhr den Rechner runterfahren und gehen können, was von anderen Autoren wiederum als Tatsache übernommen wird.

Auf die Gefahr hin, dass ich dich wieder missverstehe: Mich stört es auch weitaus weniger, wenn Unglaubwürdiges vorkommt — solange es plausibel dargestellt wird. Natürlich ist beides Geschmackssache, also ob etwas Unglaubwürdig ist bzw. wie sehr, und ob es dann immerhin plausibel wirkt.Dein
Dein Beispiel (freier Tag statt Auszeit) zeigt das sehr gut! Oder war das ironisch gemeint?

Es war nicht ironisch gemeint. Seit wann das Wort Auszeit benutzt wird für Urlaub, Abschalten läst sich recherchieren. Es bezog sich vor 1980 allein auf Mannschaftsport. Drückt man es zeitlos aus: ich bin erschöpft, ausgebrannt, möchte Zeit für mich allein, kann es in zeitlosen Worten natürlich 1930 schon ausgesprochen worden sein. Dafür braucht es Fingerspitzengefühl für die Epoche, z. B. wie war das Verhältnis zu (männlichen) Chefs, was konnte frau sich herausnehmen? Hätten Kolleginnen den Wunsch unterstützt?

Es gibt zu dem Thema ausgebrannte Frauen in der Nachkriegszeit einen kontrovers aufgenommenen Roman, der m. A. treffend das Denk- und Sprechverbot zeigt, dass Mütter der Nachkriegszeit nicht erschöpft und ausgebrannt sein durften. Sogar 2007 konnte das Thema noch einen Sturm der Entrüstung auslösen. Und ich fand: es trifft perfekt die Arbeitssituation der Generation meiner Mutter, die anders als die Figur im Buch nur bis zum Umfallen arbeiteten, aber noch keine Kinder hatten.

https://www.amazon.de/Die-Mittagsfrau-Roman-Julia-Franck/dp/3100226003

Gerade das Wort “ausgebrannt” finde ich jetzt nicht zeitlos, das ist doch ein neumodischer, aus dem englischen “Burnout” entstandener Begriff. Früher wurde insbesondere bei Frauen, die Erschöpfungszustände hatten, schnell eine Nervenschwäche, Neurasthenie, diagnostiziert. Denn wer erschöpft war, war offenbar nicht stark genug, an den Umständen wurde nicht gerüttelt.

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Da kann ich dir bisschen was empfehlen:

Flammenstürmer - Julie Pike

Dragon Mountain – Aufbruch ins Drachenreich (Dragon Mountain 1)

Joshua Jackelby insbesondere das Hörspiel

Vielleicht etwas dabei …

Liebe Grüße :waving_hand:t3:

Danke Dir, Joshua Jackelby fanden wir auch prima!