Schade, dass du deine Gedanken zum Buch nicht mit uns teilst, wo du doch bald wegfährst.
Du hast Recht. Es ist wirklich schade, dass ich in den letzten Tagen für schöne Dinge absolut keinen Kopf hatte und mich deshalb erst jetzt melde.
Im Nachhinein hätte ich meinen Kommentar zu meiner Reise wahrscheinlich gar nicht schreiben sollen, weil das mit unserer Leserunde eigentlich nichts zu tun hat. Ich wollte damit nur sagen, dass ich das Buch bis zur Abreise lesen will und nicht mitnehme und nicht, dass wir deshalb irgendetwas vorziehen oder uns stressen sollten.
Also fühlt euch da bitte alle ganz frei im ursprünglichen Zeitplan zu bleiben.
Internet habe ich unterwegs ohnehin.
Zum ersten Abschnitt:
Ich habe einige Seiten gebraucht, um wieder in den sachlichen Schreibstil hineinzufinden. Danach bin ich aber erstaunlich schnell durchgekommen. Das liegt sicher auch daran, dass ich nicht nur ein überinterpretiertes Buch aus Schulzeiten lese, sondern tatsächlich dasselbe Exemplar wieder in der Hand habe und mir dadurch ständig alte Markierungen, Notizen und Hervorhebungen begegnen.
Gerade in diesem ersten Teil mit dem Dschungel und Ivy (auf Deutsch Efeu) werden die Gegensätze zwischen Walter als Ingenieur und der nassen, lebendigen Natur sehr deutlich. Und auch seine Distanz zu allem, was für ihn eine gegensätzliche, eher weiblich dargestellte Welt verkörpert.
Auch wenn die Frauenbilder und die Darstellung indigener Menschen heute natürlich nicht mehr zeitgemäß sind, finde ich es literarisch immer noch genial, wie Max Frisch Walters sachliche Sichtweise und seine Weltanschauung sprachlich übersetzt.
Selbst der Untertitel “Ein Bericht” ist ja ganz bewusst gewählt und das passt einfach sehr gut.
Auch die vielen Zufälle wirken für mich gerade deshalb stimmig, weil sie Walters mathematischem Weltbild so gegenüberstehen.
Und ganz so unrealistisch finde ich es gar nicht. Manchmal ist die Welt tatsächlich erstaunlich klein.
Sympathisch finde ich Walter übrigens auch nicht, aber ich glaube auch nicht, dass wir das sollen. Dafür werden uns seine negativen Eigenschaften und fragwürdigen Entscheidungen viel zu deutlich gezeigt.
Woran ich mich gar nicht mehr erinnern konnte, waren einige der Nebenfiguren, zum Beispiel Marcel oder Sabeths Pingpong Gegner.
Da war für mich tatsächlich einiges überraschend und ich bin froh, das Buch erneut zu lesen.
Da ich gestern Nacht nicht schlafen konnte und es heute in einer anderen Leserunde (mit Rezensionsexemplar) weitergeht, habe ich das Buch nun beendet.
Walter liegt vor einer Magen-OP im Krankenhaus in Athen. Er weiß, dass er wohl nicht mehr lange zu leben hat, selbst wenn die OP gut geht.
Er schreibt einen Bericht über die Zeit zwischen Sabeths Tod und jetzt.
Walter war recht “ziellos” herumgereist, zu de Schauplätzen, die wir schon aus der ersten Station kennen. Seine Wohnung in den USA ist okkupiert und er kommt nicht hinein, Herbert ist ihm gegenüber gleichgültig bis feindselig, sein Projekt wird wegen seiner Magenschmerzen praktisch ohne ihn beendet, er kündigt, …
Hanna besucht ihn im Krankenhaus, sie ist aber sehr distanziert. Sie hat mit ihrer Trauer um IHRE Tochter zu kämpfen. Eigentlich möchte sie weg und alle Brücken hinter sich abreißen, aber das klappt nicht. Nun lässt sich z.B. die Kündigung nicht mehr rückgängig machen.
Mit diesem Teil konnte ich so gar nichts anfangen und bin froh, dass das Buch nun beendet ist. Es endet damit, das Faber zur OP abgeholt wird.
Ich hab das Buch jetzt auch beendet und würde mich vielen von euren Gedanken anschließen. Ich weiß irgendwie nicht so ganz, ob es mir gefallen hat oder nicht und es war ganz anders als ich erwartet habe. Obwohl ich weiß, dass das Weltbild typisch für die Zeit des Romans ist, haben mich doch einige Dinge sehr gestört beim Lesen, z. B. auch das Frauenbild. Und ich verstehe, dass es tragisch sein soll, aber ich finde nicht, dass es dafür den Inzest gebraucht hätte. Der erste Abschnitt hat mir tatsächlich am besten gefallen. Ich denke nicht, dass ich es nochmal lesen werde
Bis zu der Stelle um Seite 170 herum hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm, dass Faber selbst ausdrücklich sagt, er schreibe diesen Bericht. Dadurch wurde mir nochmal bewusster, wie subjektiv die gesamte erste Station eigentlich ist.
Die zweite Station hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Besonders die Zeitsprünge mochte ich, weil dadurch nach und nach vieles eingeordnet und aufgeklärt wird. Gerade dieser andere Aufbau hat den letzten Teil für mich nochmal deutlich spannender gemacht.
Etwas schwieriger fand ich dagegen die Passagen der ersten Station mit Hanna in ihrer Wohnung in Athen. Dort wurde es mir stellenweise zu metaphorisch und die langen Gedankengänge beziehungsweise Monologe haben mich nicht immer mitnehmen können.
Sehr gelungen finde ich dagegen, wie subtil das Thema Magenkrebs von Anfang an eingeflochten wird. Rückblickend merkt man erst, wie früh Max Frisch dafür Hinweise setzt.
Auch das Thema Inzest zieht sich ja durch das gesamte Buch. Ob es für die Tragik wirklich notwendig gewesen wäre, weiß ich gar nicht, aber es verstärkt die gesamte Ausweglosigkeit natürlich enorm.
Was mir zudem aufgefallen ist, sind die zahlreichen Anspielungen auf die griechische Mythologie. Daran konnte ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Ich habe deshalb nachgelesen, ob auch die Inzestthematik darauf zurückgeht und tatsächlich gibt es deutliche Parallelen zur Sage von Ödipus, in dem Ödipus unwissentlich seinen Vater tötet und später seine eigene Mutter heiratet. Diese absurde Tragik passt erstaunlich gut zu Fabers Geschichte.
@annnna97 vielleicht hilft dir das auch zur Einordnung?
Hanna finde ich im Krankenhaus zunächst auch sehr distanziert, später erstaunlich fürsorglich.
Es bleibt ja letztlich offen, ob Faber die OP übersteht und wie lange ihm danach noch bleibt. Vor allem aber auch, ob Hanna danach den Kontakt ebenso wünscht wie er selbst.
Ich kann schwer einschätzen, ob sie ihm gegenüber vor allem wegen seiner Krankheit Mitgefühl empfindet oder ob doch auch nostalgische Gefühle eine Rolle spielen. Wie habt ihr das interpretiert?
Ah wie cool, das mit den Hinweisen für Krebs ist mir gar nicht richtig aufgefallen. Das werde ich mir noch mal anschauen.
Das hilft auf jeden Fall zur Einordnung, danke! Ich hab mir zwar schon gedacht, dass es ein bisschen an griechische Mythologie erinnern soll, da der Teil ja auch in Athen spielt, aber an die Ödipus-Sage habe ich nicht gedacht. Dann ergibt das ganze doch mehr Sinn für mich. Und die Anspielungen auf Sagen passen natürlich gut zum Thema von Schicksal/ Zufall im Roman
Ich fand das jetzt gar nicht so subtil.
Spannend wie unterschiedlich man das aufnehmen kann.
Es hätte meines Empfindens auch Bauchschmerzen vor Aufregung, Schuldgefühl, Ängste etc. sein können. Zumal es auch andere Kranke gibt (Professor O. zum Beispiel).