Ich mache jetzt den Anfang und starte mit meiner Meinung zum ersten Abschnitt von „1984“. Ich hatte schon angedeutet, dass ich kein Fan dieses Romans bin (zumindest was die erste Hälfte anbelangt) und ich mich fast gar nicht traue einen Weltklassiker zu kritisieren. Aber ich bin jetzt mal mutig - wir sind ja unter uns 
Das Positive vorweg: Ohne Frage - die Grundidee ist natürlich erschreckend zeitgemäß. Wir hatten gestern ja schon Beispiele dafür wie moderne Überwachungstechnologie verwendet wird, um Menschen in autoritären Herrschaftssystemen zu unterdrücken und sie in ihren freiheitlichen Rechten zu beschränken. Das ist absolut erschreckend! Was mich besonders bewegt ist der gezeigte Geschichtsrevisionismus, der im Roman extrem auf die Spitze getrieben ist. Wenn ich dann an Trump, AfD und Co denke, wird mir ganz anders. Zweifelsohne macht das Lesen von 1984 etwas mit einem und dass Orwell den Roman bereits in den 1940ern geschrieben hat, ist kaum zu glauben - und mit Blick auf Überwachsungstechnologien, KI und dem Erstarken von autoritären Kräften umso mehr erschreckend.
Dennoch schafft der Roman es nicht mich zu packen. Ich finde das Buch furchtbar langatmig, zäh und schwermütig. Wäre es keine große Weltliteratur und würde mich die Thematik nicht so fesseln, hätte ich das Buch vermutlich abgebrochen.
Mein größtes Problem ist jedoch, dass die Geschichte aus meiner Sicht extrem misogyn ist. Winston beschreibt Frauen ausschließlich negativ, er kommentiert ihre mangelnde Attraktivität, Dummheit, etc. Besonders „schöne“ Zitate: „I wanted to rape and then murder you“, „the more men you’ve been with, the more I love you“, „he disliked nearly all women“. Ich kann grundsätzlich damit leben, dass ich nicht mit der Weltanschauung eines Buchcharakters übereinstimme. Es ließe sich auch argumentieren, dass das bestehende System ihn zu so viel Hass verleitet (hier lässt sich auch auf die aktuelle „manosphere“-Szene blicken), allerdings lässt mich das nicht gerade Sympathien für den vermeintlichen Buchhelden empfinden, der sich gegen ein totalitäres System auflehnt (bzw. es zumindest innerlich ablehnt). Ich kann quasi nichts mit einem Frauen hassenden Winston anfangen und fühle auch nicht mit ihm in seiner furchtbaren Lage.
Orwell hätte es für mich retten können, wenn er mit Julia eine weibliche Protagonistin hätte auftreten lassen, die Winston in seinem Frauenhass etwas entgegensetzt. Eine Frau, die smart ist, das System durchschaut, sich auflehnt und Winston’s Vorurteile entkräftet - und gemeinsam starten sie eine Revolution. Doch wofür hat Orwell sich entscheiden: Für ein sexgetriebenes Dummerchen. Sie ist nicht die starke Rebellin, sondern ihr Widerstand zeigt sich in der Tatsache, dass sie verbotenen Sex hat. Auch das mag mutig und rebellisch sein, aber da sie im Prinzip kein wirkliches Interesse an Politik hat, sehe ich darin jetzt weniger einen politischen Protest. Vielleicht stillt Orwell hier eher die Phantasien von männlichen Lesenden? Ihre ersten sexuelle Erfahrungen hatte sie als junge Frau/Mädchen sogar mit einem über 60jährigen! (
). Was diese Info zur Geschichte beitragt, ist mir auch nicht wirklich klar. Ohne Frage: Es ist offensichtlich, dass 1984 von einem Mann geschrieben wurde…
Jetzt mag man argumentieren, dass Orwell aus einer anderen Zeit stammt. Einer Zeit, in der Frauen häufig abgewertet wurden. Doch ehrlicherweise bin ich dieser Entschuldigung müde. Ich mag sowas einfach nicht mehr unkritisch lesen in einer Zeit, wo Frauenrechte immer mehr zurückgedrängt werden, im Netz Vergewaltiger und Frauenhasser wie Andrew Tate bejubelt werden und sogar Frauen Parteien wählen, die ihnen versprechen ihnen ihre Rechte zu nehmen und sie auf die Tätigkeit als Reproduktionsmaschinen reduzieren.
Neben dieser Kritik wird mir das Gesellschaftssystem nicht verständlich: Worin liegt z.B. der Vorteil in der Partei zu sein, statt ein Leben als Prole zu führen? Parteimitglieder werden permanent überwacht, dürfen nicht selbstbestimmt Partnerschaften eingehen, sie werden von den eigenen Kindern denunziert, usw. Warum dann kein Leben als Prole, das zwar durch harte Arbeit und Armut bestimmt ist, aber wesentlich freier zu sein scheint? Vielleicht habe ich hier etwas wichtiges überlesen?! 
Ich kann auch Winstons Entwicklung nicht nachvollziehen. War er schon immer dem System gegenüber kritisch? Oder gab es einen bestimmten Auslöser für seine innere Kritik? Wenn ich es richtig verstehe, dann muss eine Art Aufnahmeprüfung zur Aufnahme in die Partei folgen, aber was ist eigentlich, wenn man diese Prüfung nicht besteht? Wird man dann zum Prole oder direkt umgebracht?