Klassiker-Leserunde: 1984

Immer wenn ich denke, es kann nicht mehr schlimmer werden, kommt wieder etwas, das nicht nicht für möglich gehalten hätte. Langsam traue ich mich kaum noch, Zeitung zu lesen oder Nachrichten zu schauen, weil es mich so runterzieht.

Zum Thema Überwachung hatte die Tagesschau letzte Woche einen Artikel, bei dem ich auch an „1984“ denken musste:

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Das ist der Grund, warum mich Dystopien begeistern und ich sie gleichzeitig nur selten lese: Sie lassen einen Parallelen zu dem erkennen, was in unserer Welt schief läuft und ganz aktuell passiert. Gleichzeitig löst das in mir solch ein Unbehagen aus, dass ich nur selten danach greife. Ich kann Dystopien nur in kleinen Mengen ertragen.

Und das ist wiederum kurios, schließen bekommen wir in den Medien ständig und rund um die Uhr in voller Breitseite ab, was alles in dieser Welt passiert. Aber eine gut gemachte Dystopie bewegt mich einfach noch mal ganz anders.

Vielleicht sollte ich an der Stelle meine oben geäußerte Kritik an „1984“ relativieren: Es ist nicht „ganz, ganz furchtbar“, denn dafür finde ich es thematisch viel zu interessant und erschreckend aktuell.

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Ich freue mich schon auf die Diskussion, kann allerdings wahrscheinlich erst am Montag richtig einsteigen, weil ich morgen spontan doch auf die Buchmesse gehe. :partying_face: Eigentlich wollte ich dieses Jahr aussetzen, aber jetzt hat es mich doch gepackt…

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Ich habe auch mit Entsetzen die Nachricht aus den USA über die öffentliche Hinrichtung gehört. Das ist doch tiefstes Mittelalter! Oder leider doch die Zukunft?
Ich finde es schon schrecklich, dass es dort überhaupt noch die Todesstrafe gibt.

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Oh toll! Dann wünsche ich dir ganz viel Spaß auf der Buchmesse! :books::revolving_hearts:

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Ich muss auch sagen farm der Tiere hat mich anders gepackt als 1984, wobei ich die Sprache wirklich genieße, daher komme glaub ich eher langsam voran. Vielleicht ist die Übersetzung auch ein Thema ?

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Danke! :blush:

Die Übersetzungen haben sicherlich auch einen großen Anteil daran, wie das Buch auf einen wirkt. Die Übersetzung im Hörbuch wirkt zum Beispiel wesentlich flüssiger als meine Buchübersetzung.

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Hey :hugs:,

ich verfolge den Thread schon länger, habe momentan aber leider kaum Lust zum Lesen :slightly_frowning_face: (über zwei Wochen keine einzige Seite und hinke auch bei REs hinterher), aber die LR über das Buch und mit euch kann ich mir nicht entgehen lassen!! :grinning_face_with_smiling_eyes:

Ich bin mit diesem Exemplar, übersetzt von Kurt Wagenseil, dabei. Freu mich schon auf die Diskussion :slightly_smiling_face:

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Sehr gut! Man muss auch einfach mal Prioritäten setzen :grin::clap:t4:

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Dann bist Du ja mit der allerersten deutschen Übersetzung an Bord! Ich freue mich auch auf die Diskussion und bin schon ganz ungeduldig :grin: .

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Ich mache jetzt den Anfang und starte mit meiner Meinung zum ersten Abschnitt von „1984“. Ich hatte schon angedeutet, dass ich kein Fan dieses Romans bin (zumindest was die erste Hälfte anbelangt) und ich mich fast gar nicht traue einen Weltklassiker zu kritisieren. Aber ich bin jetzt mal mutig - wir sind ja unter uns :grinning_face_with_smiling_eyes:

Das Positive vorweg: Ohne Frage - die Grundidee ist natürlich erschreckend zeitgemäß. Wir hatten gestern ja schon Beispiele dafür wie moderne Überwachungstechnologie verwendet wird, um Menschen in autoritären Herrschaftssystemen zu unterdrücken und sie in ihren freiheitlichen Rechten zu beschränken. Das ist absolut erschreckend! Was mich besonders bewegt ist der gezeigte Geschichtsrevisionismus, der im Roman extrem auf die Spitze getrieben ist. Wenn ich dann an Trump, AfD und Co denke, wird mir ganz anders. Zweifelsohne macht das Lesen von 1984 etwas mit einem und dass Orwell den Roman bereits in den 1940ern geschrieben hat, ist kaum zu glauben - und mit Blick auf Überwachsungstechnologien, KI und dem Erstarken von autoritären Kräften umso mehr erschreckend.

Dennoch schafft der Roman es nicht mich zu packen. Ich finde das Buch furchtbar langatmig, zäh und schwermütig. Wäre es keine große Weltliteratur und würde mich die Thematik nicht so fesseln, hätte ich das Buch vermutlich abgebrochen.

Mein größtes Problem ist jedoch, dass die Geschichte aus meiner Sicht extrem misogyn ist. Winston beschreibt Frauen ausschließlich negativ, er kommentiert ihre mangelnde Attraktivität, Dummheit, etc. Besonders „schöne“ Zitate: „I wanted to rape and then murder you“, „the more men you’ve been with, the more I love you“, „he disliked nearly all women“. Ich kann grundsätzlich damit leben, dass ich nicht mit der Weltanschauung eines Buchcharakters übereinstimme. Es ließe sich auch argumentieren, dass das bestehende System ihn zu so viel Hass verleitet (hier lässt sich auch auf die aktuelle „manosphere“-Szene blicken), allerdings lässt mich das nicht gerade Sympathien für den vermeintlichen Buchhelden empfinden, der sich gegen ein totalitäres System auflehnt (bzw. es zumindest innerlich ablehnt). Ich kann quasi nichts mit einem Frauen hassenden Winston anfangen und fühle auch nicht mit ihm in seiner furchtbaren Lage.

Orwell hätte es für mich retten können, wenn er mit Julia eine weibliche Protagonistin hätte auftreten lassen, die Winston in seinem Frauenhass etwas entgegensetzt. Eine Frau, die smart ist, das System durchschaut, sich auflehnt und Winston’s Vorurteile entkräftet - und gemeinsam starten sie eine Revolution. Doch wofür hat Orwell sich entscheiden: Für ein sexgetriebenes Dummerchen. Sie ist nicht die starke Rebellin, sondern ihr Widerstand zeigt sich in der Tatsache, dass sie verbotenen Sex hat. Auch das mag mutig und rebellisch sein, aber da sie im Prinzip kein wirkliches Interesse an Politik hat, sehe ich darin jetzt weniger einen politischen Protest. Vielleicht stillt Orwell hier eher die Phantasien von männlichen Lesenden? Ihre ersten sexuelle Erfahrungen hatte sie als junge Frau/Mädchen sogar mit einem über 60jährigen! (:triangular_flag:). Was diese Info zur Geschichte beitragt, ist mir auch nicht wirklich klar. Ohne Frage: Es ist offensichtlich, dass 1984 von einem Mann geschrieben wurde…

Jetzt mag man argumentieren, dass Orwell aus einer anderen Zeit stammt. Einer Zeit, in der Frauen häufig abgewertet wurden. Doch ehrlicherweise bin ich dieser Entschuldigung müde. Ich mag sowas einfach nicht mehr unkritisch lesen in einer Zeit, wo Frauenrechte immer mehr zurückgedrängt werden, im Netz Vergewaltiger und Frauenhasser wie Andrew Tate bejubelt werden und sogar Frauen Parteien wählen, die ihnen versprechen ihnen ihre Rechte zu nehmen und sie auf die Tätigkeit als Reproduktionsmaschinen reduzieren.

Neben dieser Kritik wird mir das Gesellschaftssystem nicht verständlich: Worin liegt z.B. der Vorteil in der Partei zu sein, statt ein Leben als Prole zu führen? Parteimitglieder werden permanent überwacht, dürfen nicht selbstbestimmt Partnerschaften eingehen, sie werden von den eigenen Kindern denunziert, usw. Warum dann kein Leben als Prole, das zwar durch harte Arbeit und Armut bestimmt ist, aber wesentlich freier zu sein scheint? Vielleicht habe ich hier etwas wichtiges überlesen?! :thinking:

Ich kann auch Winstons Entwicklung nicht nachvollziehen. War er schon immer dem System gegenüber kritisch? Oder gab es einen bestimmten Auslöser für seine innere Kritik? Wenn ich es richtig verstehe, dann muss eine Art Aufnahmeprüfung zur Aufnahme in die Partei folgen, aber was ist eigentlich, wenn man diese Prüfung nicht besteht? Wird man dann zum Prole oder direkt umgebracht?

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Uups. Das war lang :joy:

Dann geb ich auch mal meinen Senf dazu. Ich hab das Buch damals mit 15 zum ersten Mal gelesen (1995) und es hat mich damals tief bewegt. Seither hab ich es mehrmals gelesen und an meiner Begeisterung hat sich nichts geändert, auch wenn ich einige Punkte heute anders sehe als mit 15 oder 25.

Was mich nach wie vor am meisten begeistert, ist Orwells Weitsicht. Dinge wie die Teleschirme, den Geschichtsrevisionsmus, Fake News hat er zu einer Zeit beschrieben, als diese Technik noch Zukunftsmusik war. Beim diesmaligen Lesen haben mich die Versifikatoren (ich weiß nicht, ob sie in allen Übersetzungen so heißen), die nahezu vollautomatisch Schundliteratur produzieren, an KI-generierte Bücher, die es bereits am Markt gibt, erinnert. Beim letzten „Lesedurchgang“ konnte ich hierzu noch keine reale Analogie finden, weil es KI in dieser Form noch nicht gab.

Mich begeistert, wie Orwell seine Welt aufbaut, die politischen Prinzipien der Macht erkennt, die in allen totalitären Staaten identisch sind. Da wird aber im 2. Abschnitt und im Nachwort sehr viel mehr kommen, deswegen halte ich mich da jetzt zurück. Die Prinzipien von IngSoc und DoppelDenk finde ich faszinierend, und auch, wie durch die kosequente Neuformung der Sprache das Denken beeinflusst wird. Das ist ja grundsätzlich ein interessanter sprachwissenschaftlicher Punkt: Inwieweit formt die Art, wie wir Sprechen, unser Denken? Indem NeuSprech die Sprache radikal reduziert, können viele Dinge gar nicht mehr ausgedrückt werden, und letztendlich wird auch das Denken immer orthodoxer im Sinne der Partei. Der Streit um Begrifflichkeiten, der teilweise auch parteipolitisch oder ideologisch geprägt ist, ist in den letzten Jahren ja auch wieder stärker spürbar geworden (und geht in eine ganz andere Richtung, aber zeigt, wie bedeutend sprachliche Nuancierung ist, die Neusprech komplett abschafft).

Misogynie: Ja, ein Feminist ist Winston beileibe nicht, und das fällt mir bei diesem Lesedurchgang auch stärker auf als früher. Trotzdem sehe ich manches ein bisschen anders:
„I wanted to rape you and then murder you afterwards“: Das ist heftig, und ich will das nicht verharmlosen. Für mich liegt der Grund für die drastische Aussage darin, dass er in ihr eine Agentin der Gedankenpolizei vermutet, und in ihr das Paradebeispiel eines orthodoxen Parteimitglieds sieht, auch aufgrund ihrer glaubhaften „Performance“ beim 2-Minuten-Hass und durch die Schärpe der Junioren-Anti-Sex-Liga. Vergewaltigung wäre in diesem Fall ein Akt der Revolution gegen die Partei. Deswegen lacht Julia meiner Ansicht nach auch darüber, als Winston ihr davon erzählt. Weil jeder Geschlechtsakt einem Aufbegehren gegen das System gleichkommt, sagt Winston „the more men you’ve been with, the more I love you“. Zunächst empfinden Julia und Winston noch keine echte Liebe füreinander, ihre Treffen sind eher ein konspirativer, aufrührerischer Akt.

Ja, Julia durchschaut das System nicht, aber Orwell macht das nicht am Geschlecht fest. Alle anderen Figuren schneiden genauso schlecht ab. Orwell begründet das auch mit Julias jugendlichem Alter: Im Gegensatz zu Winston hat sie die Zeit vor der Revolution nicht miterlebt und dadurch ist sie gar nicht in der Lage, das System zu durchschauen, weil sie nicht anderes kennt als die Indoktrination. Auf eine gewisse Weise ist Julia durchaus smart, wenn auch nicht politisch: Sie kennt Möglichkeiten, sich Freiräume zu schaffen, die Winston verborgen geblieben sind, sie denkt fix und pragmatisch und durchschaut manches auf einer praktischen Ebene, wenn auch ohne Blick und Interesse für das große Ganze. Auf eine gewisse Weise ist sie viel lebenstüchtiger als Winston. Julia ist für mich der Protoyp des Otto-Normalos heutzutage: im Grunde begnügen wir uns fast alle damit, uns durchs Leben zu lavieren, uns darin gemütlich einzurichten und große weltpolitische, ökonomische, soziale, ökologische Fragen auszublenden.

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Schon auch gruselig, dass es vor ein paar Jahren noch keine Parallele zu den Versifikatoren gab, die heute aber sofort an KI erinnern. Was wird Orwell noch mehr voraussagen?! :scream:

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Genau das habe ich auch gefühlt! Der Mann war seiner Zeit deutlich voraus.

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Und wenn ich heute in den asiatischen Raum beziehungsweise die Berichtserstattung darüber sehe oder auch nach Amerika, dann erkenne ich Punkte aus dem Buch 1:1.

Da gehe ich auf jeden Fall mit, dass Julia die große Mehrheit wiederspiegelt, die Missstände erkennen, das Ganze aber so hinnehmen und mit den Gegebenheiten leben.

Ich glaube mein Problem ist einfach, dass Winston mich mit seinen Aussagen über Frauen einfach unfassbar genervt hat - und dann kommt auch noch diese Julia. Es wäre so großartig gewesen, wenn Julia eben nicht diese triebgesteuerte Otto-Normal-Bürgerin sein würde, sondern eine starke und kluge Frau, die das System stürzen will.

Wo hast Du das mit der Aufnahmeprüfung rausgelesen?

In gewisser Weise sind die Proles frei, aber ihnen fehlt die Fähigkeit, das zu erkennen und sich gegen das System zu wenden. Sie werden intellektuell kleingehalten, so dass ihre Freiheit gewissermaßen auch relativ ist.

Bisher kennen wir nur äußere Parteimitglieder, keine Mitglieder der Inneren Partei. Wann Winstons Systemkritik erwacht ist, wurde - zumindest bisher - nicht ganz klar, aber es klingt ja an, dass unbewusst eine Erinnerung in ihm schlummert, an seine Mutter und seine Schwester, an das Leben früher, und dass das eine Rolle spielt.

Als ich vor einigen Jahren einen Film über die Stalin-Zeit und die Ära von Mao gesehen habe, wurde mir erst klar, dass diese Denunziationen bis hin zu den engsten Familienmitgliedern keineswegs Fiktion sind, sondern real passiert sind. Die Loyalität gegenüber der Partei wurde unter Mao den Kindern so effektiv eingetrichtert, dass sie stärker war als die Familienbande.

Stimmt, aber so weit voraus war Orwell seiner Zeit dann doch nicht :wink: