Mein Abschluss in Neuro- bzw. Psycholinguistik (Spracherwerb) ist schon eine Weile her, aber damals haben wir gelernt, dass - wie Du sagst - eine Sprache verstehen (hören/lesen) und sie produzieren zwei unterschiedliche Dinge sind. Da sind auch teilweise unterschiedliche Hirnregionen beteiligt. Ich habe nach meinem Studium viele Jahre als Sprachlehrerin gearbeitet und alle Schüler und Schülerinnen haben „gejammert“, weil sie nach einer Weile fast alles verstehen konnten, aber selbst sprechen oder schreiben immer noch ein Kampf war.
Es scheint bei den meisten Menschen so zu sein - mir geht es auch so!
Mein Vater ist Amateurfunker und hat uns in den 80igern eine mega Antenne auf das Dach gesetzt. Toller Nebeneffekt - wir konnten holländisches Fernsehen empfangen. Ich als Teenager war begeistert über die vielen Sendungen die im englischen Original mit NL Untertiteln gesendet wurden. Ich verstand super niederländisch (heute immer noch recht gut) aber schreiben oder sprechen geht leider gar nicht
Das ist ja cool!!!
Aber ja, es ist echt frustrierend (für viele), dass die Kluft zw. Verstehen und Produzieren so groß ist
Es ist tatsächlich mega frustrierend. Bei mir ist es so, dass ich die Muttersprache meines Vaters sehr gut verstehe, aber ich kann nicht einen Satz sagen! Ich kann mich also mit einem Teil der Verwandtschaft nicht verständigen
OMG - das geht mir der Muttersprache meines Vaters ganz ähnlich: ich verstehe etwa 50% des Gesagten, aber kann nur ein paar auswendig gelernte Sätze sagen!
Ich kann zumindest ganz viele Schimpfwörter! Haha
Ich nicht - meine Familie väterlicherseits ist extrem katholisch, moralisch, brav etc.
Ich hatte aber Glück, die meisten konnten ganz gut Englisch, sodass wir uns dennoch unterhalten konnten!
Schade
Wir können uns selbst mit Englisch nicht weiterhelfen, weil gerade die ältere Tanten- und Onkelgeneration kein Englisch spricht. Das ist wirklich total schade. Denn selbst meine deutschsprachige Mutter hat die Muttersprache meines Vaters gelernt und die beiden sprechen sie auch ständig miteinander. Aber als Kind habe ich immer auf deutsch geantwortet und so nie aktiv die Sprache gelernt
In puncto Dialekt bin ich zweisprachig aufgewachsen. Mein Vater sprach nur Dialekt, meine Mutter nur hochdeutsch. Da ich jedoch in einer Dialekt-Hochburg aufwuchs, kam der auch in der Schule nicht zu kurz und wir lernten vor allem in der 5. Jahreszeit alte Karnevalslieder und deren „Übersetzung“. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Dialekt jemals aussterben wird. Aber da stellt Kölsch auch sicher eine Besonderheit dar.
Aber auch bei Dialekten gibt es natürlich den Unterschied zwischen Platt reden oder singen und reinem Dialekt. Da gerät mit jeder Generation einiges in Vergessenheit.
Da meine Mutter einen völlig anderen (zudem sehr gemäßigten) Dialekt als mein Vater sprach und mir alles (auch) auf Hochdeutsch sagte (zudem hat sie mir ja auch viel vorgelesen), hab ich sehr früh den Unterschied gelernt. Das war dann fast wie zweisprachig aufzuwachsen. Die Lehrer in der Grundschule (das war auf dem platten Dorf) merkten das, ganz besonders im Deutschunterricht. Weil ich Bücher schon damals liebte, konnte ich ja auch schon lesen, bevor ich in die Schule kam. Und meine Bücher waren ja alle auf Hochdeutsch, nicht im Dialekt.
Ich liebe noch heute diese speziellen Dialektausdrücke für alltägliche Dinge. Sie unterscheiden sich manchmal sogar von einem Ort zum nächsten. Das finde ich faszinierend. Möglich, dass ich aufgrund dieser Affinität leichter Englisch lernte. Man muss Spaß dran haben.
Trotzdem - und das wurde hier ja mehrfach bestätigt - muss man etwas, das man versteht, nicht sprechen können. Ich habe kein Problem, Kölsch zu verstehen, könnte es aber nicht sprechen. Auch Bayerisch ist so ein Fall. Selbst der Dialekt meiner Geburtsstadt, in der ich fast drei Jahrzehnte lebte, klingt anders als das, was ich spreche.
Bei „echten“ Sprache ist das ja noch krasser als bei Dialekten. Daher finde ich es unmöglich, wenn Menschen mit anderen Menschen mit Migrationshintergrund so seltsam sprechen. Nur, weil sie sich nicht perfekt ausdrücken können, heißt das nicht, dass man selbst mit ihnen Kauderwelsch sprechen muss. Im Gegenteil - so werden sie nur verwirrt (und wenn’s dumm läuft, sind sie - nicht zu Unrecht - beleidigt und/oder verletzt).
In einem Film habe ich Mal eine gute Bemerkung zu dem Thema gehört: Sinngemäß - ich spreche zwar mit Akzent/gebrochen, aber ich denke nicht mit Akzent/gebrochen.
Es ist echt absurd, wenn manche Leute in gebrochenem Deutsch antworten, weil sie denken, dass Nicht-Muttersprachler: innen sie dann besser verstehen! Hab’ ich neulich erst im Bus erlebt, hätte nicht gedacht, dass es das noch gibt!
Genau so ist es!
Hat zwar nichts mit anderer Sprache zu tun (na ja, ein klein wenig schon):
Die Eltern meiner Freundin aus der Jugendzeit waren beide taubstumm. Ich war in der Dorfpost, Hildegard (die Mutter) auch. Dir Dorfpostfrau brüllte wie irre. Ich hab gesagt: „Frau L. ist taubstumm, nicht schwerhörig. Sie brauchen nicht so brüllen, nur deutlich sprechen.“ Ich hab dann mit Hildegard noch geplaudert und zwar absichtlich im Flüsterton (so hat die Dorfpostfrau gesehen, was ich meine und ich hatte eine Kontrolle darüber, dass ich wirklich das sage, was ich sagen wollte). Zeichensprache hab ich nicht gelernt, aber Lippenlesen.
Ja, das ist auch so ein schräges Ding, wenn Leute brüllen, weil sie denken, dass man sie dann versteht, obwohl man gehörlos ist!
Das ist bei uns auch so. Die Grenze zwischen Schwäbisch und Bayerisch verläuft ja mitten durch Augsburg, da der Lech die Trennlinie bildet, und Augsburg selbst verbindet das Beste aus beiden Dialekten (das sag ich jetzt einfach mal ganz unvoreingenommen ). Als wir unser Haus gebaut haben, hatten wir hauptsählich lokale Handwerker, un des war faszinierend, wie sehr sich die Dialekte unterschieden haben, ob jemand 20 km westlich von uns seinen Stammsitz hatte oder 10 km östlich.
Leider geht aber auch bei uns viel Dialekt verloren, Mit meinen Eltern spreche ich noch so richtig Dialekt, mit meinem Mann und Sohn zwar auch, aber etwas gemäßigter, und mein Sohn kann leider gar keinen Augschburrger Dialekt mehr - er spricht Hochdeutsch, warum auch immer, total komisch. Er rollt nicht mal das „r“, das ja hier unser Markenzeichen ist. Ich habe ja die Hörspiele und das viele Vorlesen als Schuldige in Verdacht…
Danke für diesen Input! Das kann ich durch meine Erfahrung so bestätigen.
Ich lebe in Neuseeland, spreche und höre Englisch täglich. Während mir das verstehen nie Probleme bereitet, frustriert mich das Sprechen auch nach fünf Jahren immer noch zwischendurch - wenn ich an meine Vokabelgrenzen komme. Schreiben fühle ich mich mangels Übung sehr unwohl.
Meine Tochter (3.5) versteht sowohl Schweizer- als auch Hochdeutsch absolut alles, spricht aber mehrheitlich Englisch, bzw ergänzt deutsche Sätze mit Englisch.
Vorablesen hat ja hier nun gesagt, dass die Rezension auf Deutsch erwartet wird. Ich finde es aber allgemein absolut legitim, auf deutschen Rezensionsseiten/Communities auf Deutsch zu rezensieren - auch wenn englisch gelesen wurde. Qualitativ wird das in den meisten Fällen Sinn ergeben.
Danke für Deine Ausführungen! Ich kann das zu 1000% nachvollziehen!
Und: Ich bin total neidisch, weil Du in so einem tollen Land lebst! Ich lese gerade ein Buch, dass dort spielt, es scheint so unwirklich, wie eine faszinierende Fantasiewelt!
Ich lese auch immer Mal wieder ein Buch auf Englisch und rezensiere dann auf Deutsch (außer bei NetGalley.uk) und ich komme mir dabei immer ein bisschen dumm vor - also danke, dass Du (und VL) es legitim finden!
Ich könnte eine verständliche Rezi auf Englisch schreiben, aber die wäre dann nicht so „flüssig und aussagekräftig“ wie ich es gern hätte