Hallo zusammen,
ich habe vor ein paar Tagen „Heimat“ von Hannah Lühmann beendet. Bereits ihr erster Roman „Auszeit“ hat mich begeistert, und auch „Heimat“ konnte ich kaum aus der Hand legen und hatte es nach nur zwei Tagen ausgelesen.
Allerdings tue ich mir manchmal schwer mit offenen Enden und vagen Andeutungen und wollte gerne mal eure Interpretationen der letzten Kapitel hören.
Aber nicht nur das, mich interessiert wie ihr das Buch insgesamt fandet, vielleicht auch im Bezug auf „Auszeit“, ob es euren Erwartungen entsprochen hat - eigentlich alles!
Ich hatte das Buch schon vor einigen Wochen gelesen und weiß noch, dass ich auch ziemlich ratlos zurück blieb. Später war mein Gedanke, dass das wohl so gewollt war.
Gerade habe ich nochmal die letzten Abschnitte gelesen und es wird vieles nicht aufgeklärt, wobei es für mich bei manchem nicht schlimm war. Anderes war wiederum verwirrend. Insbesondere die Fragen: Wo ist Karolin abgeblieben? Kann man Clemens trauen?
Ich hab das Buch auch heute beendet. Ich fand es auch ganz interessant zu lesen, aber es wirkte auf mich irgendwie unfertig.
Gestört hat mich auch, dass Janas Freund am unsympathischsten dargestellt wurde. Gefühlt wird an ihm kein gutes Haar gelassen und er ist der einzige wirkliche Gegenpol zu den Personen mit rechten bis rechtsextremistischen Einstellungen. Sogar bei Clemens bleibt ja irgendwie noch die Option, dass er kein Schläger ist. Während Noah derjenige bleibt, der ohne einen Rettungsversuch seine schwangere Freundin mit zwei Kindern sitzen lässt.
Jana fand ich total verblendet. Sie scheint mal eine selbstständige Frau gewesen zu sein, hat sich aber völlig verloren und sucht jemanden, der ihr in der neuen Situation Halt gibt und ein Vorbild ist.
Mich hätte interessiert, was nun mit Jonas ist. Hatte schon die Überlegung ob er vielleicht auch einen Vater mit Migrationshintergrund hat und er deshalb das schwarze Schaf ist.
Also ich fand es schon ganz interessant zu lesen, aber es hätte aus meiner Sicht deutlich mehr Potential gehabt.
Hab „Heimat“ auch gelesen. Das Thema fand ich sehr gut gewählt, weil diese „Trad Wive“ - Bewegung ja gerade auch sehr präsent ist. Finde das Buch zeigt ganz gut, dass Faschismus sich tarnen kann und nicht immer als „Springerstiefel und Glatze“ auftritt sondern sich auch hinter Spiritualität oder scheinbar harmlosen Bewegungen verstecken kann.
Das offene Ende des Buches hat mich sehr bewegt. Ich denke, dass man hier vom schlimmsten ausgehen kann und Karolin wahrscheinlich nicht mehr lebt. Zumindest hab ich das so für mich interpretiert.
Ich hätte mir insgesamt mehr Einordnung und klare Gegenperspektiven gewünscht. Jana war mir zu defensiv und hat gefühlt nichts in Frage gestellt. Das finde ich bei so einem wichtigen Thema nicht passend.
Trotzdem hat das Buch bei mir eine starke Wirkung gehabt und ich hab mich gedanklich noch lange damit beschäftigt.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr finde ich, dass mir insbesondere eine sympathische Gegenperspektive fehlt. Unterstützung erfährt Jana hauptsächlich von Karolin und ihren neuen Freundinnen. Noah, der ja als modern/links/feministisch dargestellt wird, lässt sie völlig im Stich. Man merkt zwar, dass bei den anderen auch nicht alles perfekt ist (die Affäre am Ende), dafür wird bei Noah sogar subtil der Eindruck erweckt, er würde mit Schülerinnen anbandeln. Das finde ich wirklich gar nicht gut.
Ich hab mir auf der Seite des Verlags mal fünf Fragen an die Autorin (5 Fragen an ... Hannah Lühmann | Hanser) durchgelesen. Das fand ich ganz interessant im Bezug auf Janas Hineingleiten und den Opportunismus. Das finde ich auch ganz nachvollziehbar und gut dargestellt.
Ich hätte eigentlich nicht erwartet, dass Karolin tot ist. Eher abgetaucht. Dafür ist bei mir schon der Eindruck entstanden, dass Clemens Jana als sein neues Projekt sieht. Aber auch das erschließt sich mir nicht so richtig. Karolin hat doch eigentlich funktioniert und ich verstehe da nicht, wieso Clemens sie verlassen sollte. Eher noch, dass Karolin sich rausgezogen hat. Sie wirkt zwar stark ideologisiert, kennt aber ja auch ein anderes Leben.
Bei dem Buch hätte ich mir mal eine von der Autorin begleitete Diskussion gewünscht. Allerdings hätte das Buch vielleicht auch einfach länger sein können. Dann wäre es irgendwie runder. Waren ja jetzt nicht übermäßig viele Seiten. Geschrieben ist es sonst aus meiner Sicht wirklich gut. Man merkt, ich bin etwas zerrissen .
Thematisch fand ich das Buch hoch aktuell, in den Details allerdings zu oberflächlich. Es geht schon los mit der Kinderbetreuung. Hat die Familie überhaupt Anspruch auf Kitabetreuung, wenn die Mutter nicht berufstätig ist, ist die Kita gratis, können sie sich mit einem Gehalt zwei Ganztagsplätze leisten? Extrem störend fand ich, dass die Prota kaum hinter die Fassade blickt und die Handlung von ihrer Naivität lebt. Sie sieht das Bild der glücklichen Familie mit vielen Kindern, das spätestens entzaubert würde, wenn man sich regelmäßig trifft und die Kinder miteinander spielen. Ich hätte erwartet, dass Jana für sich Ziele entwickelt, wie sie zukünftig leben will. Mit einem Einkommen und drei Kindern im Speckgürtel einer Großstadt? Dafür ist diese Familie von Karolin, die mit der Carearbeit angeblich so viel leichter klarkommt, ungeeignet.
Das mit den Beiträgen für die Kita hat mich auch interessiert. Ich habe den neuen Wohnort - warum auch immer - im Brandenburg verortet. Da ist die Kita ab 3 kostenlos und vorher sind die Beiträge nach Jahreseinkommen gestaffelt.
In Ostdeutschland scheint die Kinderzahl aktuell zu sinken und die Unterbringung einfacher zu sein. In anderen Gegenden Deutschlands trifft dieses Bild auf völliges Unverständnis, dort wo Kita-Personal mit Prämien geködert wird und Familien teils Kinder in verschiedenen Kitas unterbringen müssen oder eine Stunde Anfahrt mit Öffis haben …
Ja. Hab mich auch gewundert, dass es so kurz ist. Dabei hätte man viele Themen deutlich länger und tiefgründiger bearbeiten können. Theoretisch ist es ja in Ordnung, wenn eine Figur durch Naivität gekennzeichnet ist, aber in diesem Fall hat dadurch was gefehlt. Hätte es deutlich besser gefunden, wenn entweder die Protagonistin kontrastreicher gewesen wäre und auch mal Dinge hinterfragt hätte oder andere Figuren in ihrem Umfeld eine größere Rolle bekommen hätten. Nämlich die Rolle als Gegenpart.
Ist schon etwas her dass ich das Buch gelesen habe. Jana war für mich eine Frau, deren Leben nicht so läuft wie es gerne hätte. Sie ist unzufrieden und versucht mit Entscheidungen, die sie nicht erklären will oder kann, aus ihrem Leben auszubrechen. Die Beziehung zu ihrem Mann war meiner Meinung nach schon vor der dritten Schwangerschaft im argen.
Ich sehe einen Zwiespalt, wie sie heute wohl viele Frauen haben: Man möchte bei der Erziehung der Kinder alles richtig machen und nicht die Fehler der Eltern wiederholen. Dabei gibt man sich auch ein wenig selbst auf, vor allem wenn man auch nebenbei einer Erwerbsarbeit nachgeben muss. Karoline und die ganze Insta Bubble gaukelen Jana ein Idealbild vor, nach dem sie sich sehnt. Jana möchte keine Karriere. Jana möchte die ideale Mutter sein und sehnt sich nach einem „starken“ Mann und Ernährer, der ihr genau das ermöglicht. Dabei übersieht sie immer wieder, wie anstrengend es ist, wenn man die Kinder ständig um sich hat. Und das ihr das eigentlich keinen Spaß macht. Aber es sollte ihr Spaß machen, sie möchte es so sehr…
Diesen Zwiespalt fand ich ganz interessant. Die restlichen Figuren blieben mir zu sehr im Dunkel und zu sehr Abziehbilder. Keine Ahnung was bei Karoline und ihren Kindern abgeht. Und warum sie so geworden ist, wenn sie früher doch anscheinend ganz anders war. Und was Janas Mutter treibt oder ihr Mann, das hat mich irgendwie auch nicht interessiert…
Im Grunde wird nur Bericht erstattet, wie Jana die Hausfrauen-Idylle wahrnimmt, aber sie bekommt keine Chance, Widersprüche zu sehen, z. B. wer genau fertigt die Fotos und Videos für den Social-Media-Auftritt an, wer kocht und bäckt wirklich, wer betreut die Kinder, arbeiten da evtl. 4 Großeltern ganztags mit? Ich habe mir Mühe gegeben, mit ihr als dauermüder Schwangerer mitzufühlen - vergeblich.
Sie gibt sich ja auch gar keine Mühe kritisch zu sein. Man könnte ihr die Widersprüche wahrscheinlich auf dem Silbertablett präsentieren und sie würde sie nicht sehen wollen. Sie weiß ja auch, welche Nahrungsmittel man in der Schwangerschaft meiden sollte. In Karolins Gegenwart scheißt sie allerdings völlig darauf.
Edit: Sorry für die harte Formulierung am Ende, da spricht wohl der lange Koffeinentzug aus mir .
Damit ist sie doch die ideale Kandidatin, um sich in autoritären Strukturen wohlzufühlen. In positiver wie negativer Art. Wenn sie eine Schwangerengruppe hätte oder eine vertraute Hebamme, würde sie vermutlich deren Normen leicht folgen, die eine mütterliche/elterliche Person entschieden vertritt.
Ja. Aber ich finde, dass es eigentlich gar nicht zu dem passt, was sie aus ihrem „früheren“ Leben berichtet. Ich würde gerne wissen, was da passiert ist, dass sie sich so aufgegeben hat.
Radikalisierung hängt ja oft mit einem sozialen Bruch und Unzufriedenheit zusammen. Das passt ja schon zu ihrer Situation (Arbeitslosigkeit, Umzug, dritte Schwangerschaft), aber ich hätte mir gewünscht, dass das etwas deutlicher wird.
Der soziale Bruch allein ist schon Risikofaktor für postpartale Depression etc. Würde eine Schwangere nicht ihre vertrauten Strukturen vom vorherigen Wohnort nutzen, ehe sie neue gefunden hat? Hebamme, Arzt, Stillgruppe von den ersten Kindern? Der Plot amputiert sie von allem …
Ja, sie ist völlig isoliert als sie Karo trifft. Also es ergibt schon Sinn, dass sie sich so auf sie einlässt. Es fehlt halt der Hintergrund, da hätte man echt mal mehr aufschreiben können.
Mich hat an dem Buch auch gestört, dass man sich viele Dinge selber zusammenreimen musste. Manchmal passt das ja stilistisch ganz gut, wenn man Dinge offen lässt, aber hier sind so viele Themen nur angerissen worden.
Auch die blauen Flecken von Karolin, die angeblich vom Sohn zugefügt wurden. Janas Reaktion darauf finde ich so seltsam passiv. Gedanklich ist ihr ja schon klar, dass es wahrscheinlich nicht der Sohn war. Aber, dass sie dann nicht den nächsten gedanklichen Schritt schafft und auf Clemens als Täter kommt, finde ich so unrealistisch. Jana wirkt in manchen Szenen einfach sehr unbeteiligt/naiv.
Mir ging es ingesamt im Buch zu schnell. Jana hatte ja schon direkt ihren Job gekündigt und war gefühlt von Anfang des Buches Feuer und Flamme für die Bewegung. Ich hätte mir diesbezüglich eine grössere ENtwicklung von Beginn an gewünscht. Von der Entwicklung (und dem Ende) hat mich das Buch sehr an Antechrista erinnert. Mir wird auch vieles zu offen gehalten. Ich habe gerade „Schwanentage“ gelesen, was ungefähr die gleiche Seitenanzahl hat und für mich sprachlich konkreter ist. Trotzdem hat mich das Buch „Heimat“ gefesselt und ich konnte nicht aufhören zu lesen. Ich hatte mir einfach mehr erhofft bzw. eine grössere Entwicklung von Jana und Auseinandersetzung mit dem Thema.
Mir ging es wie dir (und Schwanentage habe ich am Sonntag auch beendet). Es war irgendwie so schnell alles erzählt und gleichzeitig war es schwer wegzulegen. Vermutlich aber auch, weil es keine richtigen Kapitel oder Unterteilungen hat und man dann so mittendrin pausieren musste.