Diskussion zu Underground Railroad


#1

Hallo zusammen!

Der Thread richtet sich an Leser von Underground Railroad. Spoiler bitte kennzeichnen (wie? siehe diesen Beitrag: Leserunde zu "Das Brombeerzimmer").

Mich würde vorallem interessieren, wie ihr die Zwischenkapitel findet, die aus der Sicht eines bestimmten Charakters beschrieben werden. Mit dem zu Stevens konnte ich nämlich überhaupt nichts anfangen (ich hab noch 70 Seiten bis zum Ende, das Stevens Kapitel kam etwas weiter vorn). [spoiler]Da ging es doch nur darum, was der erste Arzt, der Cora untersucht hat, sonst so macht, oder? Stevens war doch eine neue Figur und nicht ihr Arbeitgeber im Museum, oder?[/spoiler]

Auch das Kapitel zu Ceasar [spoiler]fand ich etwas überflüssig, weil es ja nur eine Rückblende war und wir von dem Skavenfänger Rideway(?, hab das Buch gerade nicht da) bereits über seinen Verbleib erfahren haben.[/spoiler]

Bei Twitter hat eine Userin den Verlag angeschrieben, weshalb ich erfahren habe, dass der vordere Teil zur Historie in den Büchern die nächste Woche erscheinen nicht auftauchen, was ich etwas Schade finde. Besonders der Fakt, dass die Underground Railroad in Wahrheit keine richtige Bahn war, hätte ich auf jeden Fall in der Veröffentlichung gelassen…

Was denkt ihr zum Buch? Freue mich über eure Kommentare!

Viele Grüße,

jewi


#2

[spoiler]
Stevens ist ein Student, der sich eigentlich die Studiengebühren nicht leisten kann und deshalb einen besonderen Job angenommen hat.

Auf mich wirkt dieser Einschub, in dem er Zweifel an Coras Wahrnehmung sät. Sie stellt das Krankenhaus und seinen Service nicht infrage, kann das auch nicht, weil sie nur gelernt hat, auf der Plantage klar zu kommen. Die Zweifel erzeugt die Erzählerstimme und ich als Leserin frage mich natürlich: wer bezahlt das Ganze, wem nützt es. Und die Arztfigur wirkt ähnlich, ich soll mich fragen, wem dieser Arzt dient, den Patienten oder einem anderen Zweck.
[/spoiler]

Dass Cora selbst diese Dinge nicht infrage stellt, ist natürlich etwas unbefriedigend. Ich hätte in Romanen immer gern, dass die Figuren ein Aha-Erlebnis haben oder an ihren Erfahrungen reifen. :wink:

Dass der Hinweis auf die U. Railroad nur in den Rezensionsexemplaren enthalten ist, finde ich auch schade. Die Rezensionen, die ich bisher gesehen habe, zeugen nicht gerade davon, dass die Verfasser sich mit dem Begriff im fantastischen Sinn befasst haben. Oder sie haben die Beschreibung der Tunnel und der Bahnhöfe einfach überlesen … :grin:


#3

[spoiler]Du hast Recht, die Zweifel kommen erst nachdem Cora von Sam von den “Pseudobehandlungen” erfahren hat. Sie hinterfragt für sich aber schon die Sterilisationen, die ihr und anderen angeboten werden. Dein Eindruck zum Stevens Kapitel scheint aber sonst richtig. Dadurch, dass wir ansondern die Welt nur durch Coras Augen sehen, erfahren wir sonst nichts von den Leichengeschäften. [/spoiler]

[spoiler]Ich hatte aber ansonsten den Eindruck, dass South Carolina bemüht war, die schwarze Bevölkerung zu integrieren. Die Sterilisationen haben dann aber ein ganz perverses Ausmaß, um die Menge der Menschen zu minimieren. Das war aber ein Spiegel zu dem, was auf den Plantagen passiert, da waren Geburten sehr gewollt, um weitere Arbeitskräfte zu haben… widerlich ist beides…[/spoiler]

Ich hab extra bisher keine Rezensionen gelesen. Wäre dann schon wichtig zu schreiben, dass die Gegebenheiten zugunsten der Geschichte etwas abgewandelt wurden. Mir fällt aber auch an anderen Teilen des Buches auf, dass es Geschichtlich etwas schwierig ist, die Ereignisse einzuordnen[spoiler]. In South Caorilina fährt Cora mit einem Fahrstuhl, der aber nach meinen Recherchen erst 1853 erfunden wurde.[/spoiler] Die Kapitel beginnen aber mit Fahndungsblättern die teilweise auf 1820 datiert sind…


#4

Die Aufzüge und die Tunnel habe ich als fantastische Elemente gesehen, die Distanz zu den Ereignissen schaffen, damit man als Leser nicht zu stark mitleiden muss. So wie früher die “Railroad” ein Codewort war, sind die Bahnhöfe und die Schienen im Buch ein Code für die Hilfe, die die Sklaven auf ihrer Flucht bekommen. Ob jemand in einem Erntewagen versteckt wird oder in einem anderen Fahrzeug ist ja eigentlich nicht wichtig.

Die Sterilisationen sieht man als deutscher Leser nochmal völlig anders, weil sie auch Teil unserer Geschichte sind.

Tuskegee-Experimente

Henrietta Lacks
Ein Beispiel dafür, dass Patienten einfach wie medizinisches Material behandelt wurden, auch wenn sie sicher zugestimmt hätten.


#5

Das klingt schon einleuchtend, trotzdem hätte ich mir eine mehr historisch fundierte Geschichte gewünscht. Vorallem, wenn das Buch “Underground Railroad” heißt, gehe ich erstmal davon aus, dass man von dem eigentlichen Flucht- & Transportweg mehr mitbekommt.

Danke für die Artikellinks! Das Tuskegee-Experiment kannte ich noch nicht. Zu Henrietta Lacks: Übel, auch wenn es sich als medizinischer Fortschritt rausgestellt hat


#6

Danke für die Einladung zur Diskussion. Da ich dieses Buch aber nicht gewonnen und gelesen habe, kann ich leider nicht mithalten


#7

Falls Du das Buch noch lesen möchtest, kannst Du nachträglich noch gern mit dazu stoßen :slight_smile:

@buchdoktor: Ich habe gestern beim Rezension schreiben nochmal geblättert & weiß wieder, wer Stevens ist. [spoiler]Der kommt im Kapitel vorher auch vor und ist der junge (zweite) Arzt, der Cora untersucht. Die Info hatte ich nicht mehr so präsent. Alle anderen Protagonisten der Einschubkapitel hatten nämlich sonst auch ne Rolle im Buch.[/spoiler]


#8

Ich stoße auch noch etwas später dazu. Bin noch nicht so sehr weit, weil es bei mir erst Montag oder Dienstag ankam. Hoffe aber auf dieses Wochenende…


#9

Zunächst einmal: ich bin noch nicht durch, finde es aber bisher ein tolles Buch, das mir bestimmt in Erinnerung bleiben wird.

Ich hatte mir schon gedacht, dass der Artikel und das Interview leider nicht mit im regulären Buch enthalten sind.

Ich habe das Gefühl, im Roman einiges über Sklaverei und die USA gelernt zu haben - aber was ist realistisch und was ist rein fiktiv beschrieben? Durch die fiktive Darstellung der Underground Railroad stellt sich mir diese Frage schon, wo beim Rest des Buches die Grenze verläuft. Ich hätte mir eine historische Einordnung als Nachwort gewünscht. Gerade für den nicht-amerikanischen Markt wäre das sinnvoll gewesen.


#10

Mir wurde immer wieder klar, wie wenig ich über die komplexe Geschichte der Sklaverei und der Rassentrennung in den USA weiß. Welcher Staat stand wann für was?

[spoiler] South Carolina wirkt ja zuerst wie das Paradies auf Erden, aber nicht nur die medizinischen Praktiken zeigen, dass es das nicht ist. Es gibt auch hier die Rassentrennung, Coras Job im Museum ist fragwürdig und Schwarze müssen für gleiche Ware mehr zahlen als Weiße.[/spoiler]


#11

Du kannst ziemlich einfach einsteigen mit einem Artikel über die Südstaaten und evtl. über Rassentrennung und amerikanischen Bürgerkrieg weiterlesen.

Sklaverei


#12

@cracklinrosie: Sehr gerne, freu mich auf deine Meinung!

So geht es mir auch. Finde ich schade, dass der Verlag (vorerst) dagegen entschieden hat, gerade weil man die Geschehnisse dann besser einordnen kann. Vielleicht bekommt die 2. Auflage diese Informationen.

Falls Du @forti Dich weiter einlesen willst, Heimkehren ist mE sehr viel historischer und soweit ich das Beurteilen konnte gut recherchiert. Mir hat es beser gefallen als Underground Railroad, wobei man das so nicht sagen kann, weil beide Bücher sehr unterschiedlich sind und man abgesehen von der Grundthematik hier Äpfel mit Birnen vergleichen würde…


#13

Ich finde, beide Bücher ergänzen sich perfekt, weil ohne die historischen Ereignisse in Ghana sich die Sklaverei längst nicht so lange hätte halten können.


#14

Stimmt. Wobei ich sehr froh bin, Heimkehren zuerst gelesen zu haben, weil ich wissenstechnisch so besser vorbereitet war.

@ Alle:
Wer bei Instagram ist, kann mal bei ‘literarischernerd’ vorbei schauen. Da wird gerade auch heiß diskutiert, wie die Umsetzung bisher so gefallen hat (bisher ohne Spoiler). Siehe Bild von Underground Railroad in seinem Feed


#15

Ich hätte es nicht gedacht, aber ich bin bisher wirklich durch das Buch galoppiert - jedenfalls für meine Verhältnisse :wink:
Bin zwar noch nicht ganz durch, aber nur noch ca. 70 Seiten liegen vor mir.

Die Zwischenkapitel finde ich wirklich gut gelungen. Sie verdeutlichen einem auch die andere Seite der Geschichte. Man neigt ja doch dazu, lediglich die Sicht des/der Protagonisten zu übernehmen. Aber auch die Bösewichte sind ja nicht so geboren worden (von diesem Plantagenbesitzer mal abgesehen).
Obendrein kann der Autor auf diese Weise auch Themen einstreuen, mit denen die Protagonisten nicht direkt in der Geschichte in Berührung kommen.
Die Darstellung der URR als reale Bahn finde ich ebenfalls gelungen. Sicher wären sonst 100-200 Seiten nur für die Fluchtwege dazu gekommen. Aber die sind, glaube ich jedenfalls, gar nicht der Kern der Story. Der dreht sich eher darum, dass es keine wirklichen guten oder sicheren Orte für damalige Sklaven gab. Nicht in den USA. Und wenn man ehrlich ist, gibt es sie dort ja bis heute nicht, auch wenn es längst nicht mehr so dramatisch und gewalttätig zugeht wie zu diesen grausamen Zeiten.
Es nimmt mich jedenfalls einigermaßen mit und ich habe sicher 1 Std. im Bett gelegen gestern Nacht und nur darüber nachgedacht, was wohl mit Sam und Ceasar passiert sein mag. :worried:
Das ist schon etwas anderes, als irgendein Thriller oder Fantasy-Buch. Das alles ist irgendwann irgendwem ähnlich oder auch genauso passiert vor ca. 200 Jahren. Kaum fassbar, zu was Menschen alles fähig sind. :confounded:


#16

Zu diesem Thema habe ich vor einigen Monaten auch ein interessantes Buch gelesen. Spielte allerdings zu einer Zeit, in der das alles schon längst überstanden war, nämlich in den 30er Jahren: Summertime. Super spannend geschrieben und zeigte für mich einmal mehr die Doppelmoral der weißen Amerikaner. Wirklich lesenswert, zumal es sich ausgesprochen stark an den historischen Fakten orientiert.


#17

Mit der vorhandenen Einleitung und dem Interview des Autors finde ich die Aufklärung schon hinreichend. Allerdings empfinde ich es auch als seltsam, dass das beim offiziellen Buch nicht mehr enthalten ist, denn ich finde es durchaus wichtig, um alles richtig einordnen zu können.
Es wird viele Leser geben, die sich an der tatsächlich nicht existierenden Bahn aufhängen und das Buch daher in den falschen Hals bekommen. Nach dem Motto: Wenn das schon nicht stimmt, wer weiß was der sich noch alles ausgedacht hat und es gar nicht gab (z. B. die verschiedenen Quälereien oder Hinrichtungsmethoden, die Experimente etc.). In dem Interview gibt der Autor ja auch an, dass die Tuskegee-Experimente deutlich später durchgeführt wurden, was aber für das Zeugnis der Menschenverachtung belanglos ist.


#18

Das ist eine gute Erlärung

Ich bin eine von denen, die sich “mehr Geschichte” gewünscht hätten. Trotzdem ist UR ein gutes Buch und die Bahn als Fiktion (wir hatten hier ja schon einige gute Erklärungen) ist - sofern man als Leser darüber informiert wird - auch in Ordnung. Ich befürchte aber, dass durch die fehlende Info in den Büchern (die ab dieser Woche verkauft werden) einige Leser etwas alleine gelassen werden (zumindest, wenn sie wie ich gerne “geschichtsnah” von der UR gelesen hätten).

Danke für den Tipp mit Summertime. Les ich mal rein.


#19

Es wird viele Leser geben, die sich an der tatsächlich nicht existierenden Bahn aufhängen und das Buch daher in den falschen Hals bekommen.

Die Gefahr besteht eigentlich immer, dass eine Stelle, die eigentlich eindeutig beschrieben wird, beim Überfliegen völlig anders aufgefasst oder übersehen wird.
:wink:


#20

Nur hier wären sie es selbst Schuld, wenn sie die Einleitung aus unseren Leseexemplaren haben wegfallen lassen bei den Verkaufsbüchern :wink:

Bin jetzt durch und habe ein gutes, sehr passendes Zitat auf Seite 301 gefunden:
Lumblys Worte fielen ihr ein: Wenn man sehen will, was es mit diesem Land auf sich hat, dann muss man auf die Schiene. Schaut hinaus, während ihr hindurchrast, und ihr werdet das wahre Gesicht Amerikas sehen. Es war also von vornherein ein Witz. Auf ihren Fahrten herrschte vor den Fenstern nur Dunkelheit, und dort würde auch immer nur Dunkelheit herrschen.

Ich denke, genau das ist der Dreh- und Angelpunkt.

Was für ein Buch… Es hat seinen Preis zurecht bekommen!